Dienstag, 24. Oktober 2017
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Schüleraustausch Costa Rica -

Schulleben, Freiwillgenprojekt und Gemeinschaftsgefühl

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Lydia S.
Stipendium gestiftet durch:
Costa Rica Austauschservice

 

Schüleraustausch Costa Rica

 

 

Seit genau einem Monat bin ich wieder in Deutschland und dies bedeutet leider auch, dass mein Schüleraustauschjahr nun zu Ende ist. Zusammenfassend kann ich schon vorweg sagen, es war das beste Jahr meines bisherigen Lebens. Mein letzter Bericht endete mit meinen Erlebnissen über meine Ferien. Seitdem konnte ich noch viel weitere tolle Erfahrungen machen, neues kennenlernen und mich weiterentwickeln. Das zweite Halbjahr meines Schüleraustausches erlebte ich noch intensiver als das erste Halbjahr. Die Kultur hatte ich nun schon adoptiert, meine Sprache hatte sich sehr gut weiterentwickelt, meine Gastfamilie war meine richtige Familie und mit meinen Freunden war ich nun schon so vertraut als würde ich sie schon ewig kennen. Es fühlte sich wie das pure Leben, wofür Costa Rica auch bekannt ist, an. Die anfängliche Hilflosigkeit, welche die ersten Monate ab und an ein Begleiter war, war fortan verschwunden. Ich kannte nun alle Busse, war in den Familien meiner Freunde immer herzlich Willkommen, der wöchentliche Kirchgang mit meiner Familie war in mein Leben integriert, genau wie das Brunchen mit meiner Tante, das wöchentliche Ceviche essen mit meinen besten Freundinnen (traditionelles Fischgericht/ Garnelengericht aus Costa Rica)…

 

High School Costa Rica

 

Nach den langen Sommerferien, wechselte ich auf eine öffentliche Schule. Auf der bilingualen Privatschule war ich nicht unglücklich, aber ich wollte auch die anderen gesellschaftlichen Schichten kennenlernen. So wechselte ich von der kleinen bilingualen Privatschule auf eine große bilinguale öffentliche Schule. Ich erlebte meine Mitschüler viel offener und lebensfreudiger. Es war noch einmal eine völlig andere und sehr schätzbare Erfahrung. Das zweite Halbjahr engagierte ich mich auch sehr aktiv in der Hilfsorganisation TECHO („Techo“ bedeutet im deutschen Dach). Techo ist eine Hilfsorganisation, welche mithilfe von freiwilligen in Lateinamerika die Armut bekämpft. Ziel ist es die extreme Armut und die soziale Ungleichheit zu bekämpfen. So engagierte ich mich in der Semana Santa (Osterwoche) im Rahmen einer Konstruktion, Notbehausungen für Menschen ohne Behausungen bzw. sehr schlechten Behausungen zu bauen. Es war einer meiner schönsten Wochen in Costa Rica. Es war eine sehr anstrengende Woche, welche mit der Anreise in ein sehr heißes Gebiet begann… Wir übernachten in einer öffentlichen Schule, welche uns zur Verfügung gestellt wurde. Aufgestanden wurde immer 5 Uhr. Dann ging es mit den Werkzeugen (einfache Hilfsmittel wie: Hammer, Brechstangen, Wasserwage…) zu den Familien. In kleinen Gruppen, welche von erfahrenen Freiwilligen geleitet wurden, wurde mit der Familie gemeinsam jeweils ein „Holzhaus“ auf Stelzen (aufgrund der langen Regenzeit) gebaut. So hatten wir auch die Möglichkeit die Familien besser kennen zu lernen. Zum Mittag bereiten uns die Familien aus den von uns mitgebrachten Lebensmitteln immer typische Mittagsgerichte, welche in Gemeinschaft mit der Familie verzehrt wurden. Abends nach der Arbeit wurde nach dem duschen das Abendbrot eingenommen und anschließend gab es eine tägliche Abendversammlung, in welcher wir über unsere Arbeit sprachen bzw. organisatorisches klärten. Es war eine Woche, in welcher alle Freiwilligen viel lernen konnten.

 

Volunteer Costa Rica

 

Was mich auch sehr faszinierte, wie viel diese armen Menschen lachten und trotzdem glücklich waren, obwohl sie kaum etwas hatten. Wir erlebten selbst, wie es ist wenn der nächste Trinkwasserbrunnen mehrere Kilometer weit weg ist, wie es ist, wenn es keine Sanitäranlagen gibt und wenn sich Hunger Vorort herrscht. Des Weiteren lernte ich viele Analphabeten kennen. Es sind Menschen die sich nach Bildung vergeblich sehnen, weil keine Schule in der Nähe ist und oft nur durch eine mehrstündige Busfahrt erreichbar. Oft fehlt aber auch einfach das Geld um in einer öffentlichen Schule zu lernen. Denn Schulmaterialien, wie Hefte, Stifte, das Mittagessen, Schulbus oder die Schuluniform sind finanzielle Ausgaben, welche viele Familien nicht bewältigen können. So lernte ich beispielsweise ein Mädchen kennen. Mehrere Tage hielt ich dieses Mädchen für die Frau des Hause, denn ihr Verhalten deutete täglich darauf hin, sie putzte, kochte und kümmerte sich um die Kinder, welche, wie sich herausstellte ihre Geschwister waren. Dieses Mädchen zeigte in den Tagen in denen ich mit Ihr zusammenlebte nie Schwäche, sie war immer stark und für alle da. Nie wurde ihr Zuneigung oder Aufmerksamkeit zu teil. Erst an einem der letzten Tage des Projektes sagte Sie zu mir, dass sie sich wünschte ich wäre Ihre Mutter und es würde sich jemand um sie kümmern, ihr ermöglichen, dass sie zur Schule geht, Kontakte zu anderen Jugendlichen aufnehmen kann. Bei unserer Verabschiedung erfuhr ich ihr Alter, sie war 14 Jahre alt. Auch während der Konstruktion gab es immer wieder traditionelle Momente, welche bei jeder Konstruktion einer Notunterkunft von den Freiwilligen mit den Familien durchgeführt werden. Beispielsweise werden, wenn der Boden auf den Stelzen vernagelt wird, von jedem Freiwilligen ein paar Worte an die Familie gerichtet und anschließend schlägt jeder einen Nagel fest in den Boden. Ebenfalls am Ende der Konstruktion eines Holzhauses auf Stelzen, richtete jeder Freiwillige, welcher an diesem Haus mit gearbeitet hatte, persönliche Worte an die Familie, wie beispielsweise Wünsche für die Zukunft…

 

Freiwilligenprojekt Costa Rica Freunde Costa Rica

 

DesWeiteren nahm ich an der TECHO Colecta im Mai teil. Einen Freitag und Samstag gingen über 4000 Freiwillige auf Plätze, in Fußgängerzonen und an den Ampeln mit Spendendosen in die Öffentlichkeit um Geldern zu sammeln, welche die Materialkosten für den Bau der Notbehausungen decken. Sehr interessant war auch die ECO (Anhörung von Gemeinden), welche TECHO mehrmals im Jahr in verschiedenen Armenvierteln durchführt. Innerhalb von 3 Tagen wurde in alle Bewohner von mehreren kleinen Dörfern befragt, nach Herkunft, Bildungsgrad, Krankheiten, Ausgaben, Einkünften, Wohnsituationen, nach gemeinschaftlichem Engagement, nach Problemen in dem Wohnvierteln (Wasserqualität, fehlende Schulen, keine gute Infrastruktur…) bzw. nach zu schätzenden Aspekten innerhalb der Dorfgemeinschaft. Die Bewohner nahmen einige Wochen vorher alle an einer Informationsveranstaltung, welche von TECHO durchgeführt wurde teil. So wurde uns sehr viel Offenheit und Interesse der Bewohner entgegen gebracht und eine gute Zusammenarbeit war von Anfang an gegeben. Oft wurde mir auch bewusst, wie hart die Familien wirklich arbeiten und wie schwer sie es haben sich dennoch essen zu kaufen. Denn aufgrund des doch sehr hohem Anteil des Analphabetismus in den Armenvierteln ist eine berufliche Qualifikation gar nicht so einfach. Die in Protokollen dokumentieren Daten wurden dann anschließend im TECHO Büro von uns Freiwilligen in den Computer eingegeben und nach tiefgründiger Auswertung durch TECHO gab es weitere Gespräche mit den Familien und es wurde anschließend die Konstruktion der Häuser für die bedürftigsten Familien des Dorfes für den Juli dieses Jahres geplant. Zusammenfasst kann ich sagen, dass die Freiwilligenarbeit ein wichtigen Stellenwert in meinem Auslandsjahr eingenommen hat. Die Menschen haben mich berührt, geprägt und meine Einstellung sehr verändert. Ich lerne mein eigenes Leben zu schätzen. Die Momente der Übergabe der fertiggestellten Häuser an die Familien, für welche die Häuser eine kleine Existenz darstellen, waren die größten in meinem gesamten Austausch.

 

Strand Costa Rica Sonnenuntergang Costa Rica

 

Ein Weiterer Höhepunkt in meinem zweiten Austauschjahr war die Reise nach Nicaragua. Wohnten für mehrere Tage in einem kleinem gemütlichen Hotel in der Kolonialstadt Granada. Gleich am Anfang unser Reise durch Nicaragua viel uns die vielseitige Architektur dieser Kolonialstadt auf. Auffallend war ebenfalls, wie sauber gehalten alles war.  Ein Highlight war der Besuch des Vulkanes Masaya, bei welchem wir über die erstarrten Lavafelder wandern konnten und eine beeindruckende Aussicht genossen, sowie der Besuch des Schokoladenmuseums. Dazu gingen wir einen Morgen in das Schokoladenmuseum um zu frühstücken. Für viele war es die erste Schokolade seit Monaten, da Schokolade in Costa Rica sehr sehr teuer ist da diese unter anderem aus Deutschland importiert wird… So genossen wir Crapes gefüllt mit frischen Früchten und einer dicken Schicht aus selbsthergestellter Bitterschokolade. Den größten und bekanntesten Kunstmarkt von Nicaragua in Nicaragua besuchten wir ebenfalls.

 

Strand Schüleraustausch Costa Rica

 

Ende Mai unternahm ich einen meiner letzten Strandausflüge nach Manuel Antonio. Es war einer der schönsten Pazifikstrände und Nationalparks, welche ich in Costa Rica besuchte. Besonders war ich von der Vielfalt der zu beobachtenden Tierwelt in dem Nationalpark beeindruckt. So gelang es mir die spielenden Affen genauestens zu beobachten und zu fotografieren, sowie die verschiedensten Papagei Arten, Tukane, Faultiere und Waschbären. Belohnt wurden wir abends mit einem wunderschönen Sonnenuntergang.

 

Affe Costa Rica Küste Costa Rica

 

So langsam nahte auch leider irgendwann das Ende, welches ich mir mit größter Kraft versucht habe wegzuwünschen, denn der Abschied viel mir sehr schwer. In den letzten Woche in der Schule unterschrieben meine ganzen Freunde alle auf einer großen Costa Rica Fahne und viele schrieben noch die schönsten gemeinsamen Momente mit mir herauf, Glückwünsche oder Zitate. Des Weiteren gestalteten jeder meiner Freunde ein oder mehrere Seiten mit gemeinsamen Bildern und schrieben noch persönliche Briefe an mich. Natürlich machten wir noch lustige Klassenfotos und eine Klassenabschlussfeier wurde zur Überraschung für meinen letzten Schultag auch für mich organisiert. Mit meiner Familie machten wir auch noch eine letzte Familienfeier um mich zu Verabschieden. Das letzte Wochenende machte ich Samstag mit meiner Familie noch einen Ausflug in einen Nationalpark und für den Abend hatte meine beste Freundin für mich noch eine Abschlussparty organisiert gehabt wo alle meine Freunde mich noch mal verabschiedeten. An meinem letzten Tag, dem Sonntag ging ich abends noch ein letztes Mal mit meiner Familie in die Kirche zur Messe. Nach der Messe traf ich auf dem Kirchvorplatz noch ein letztes Mal meine ganzen Freunde. Anschließend verabschiedete ich mich noch von der Familie meiner besten Freundin. Die Mutti meiner besten Freundin schenkte mir zum Abschluss eine traditionelle costa-ricanische Tracht, welche sie für mich selbstgenäht hatte.

 

Costa Rica Strand

 

Auf der einen Seite hatte ich mich schon etwas auf Deutschland gefreut, auf meine Familie, auf meine Freunde sowie beispielsweise auf bestimmtes Essen. Ich wollte auch wieder einmal anderen Hobbys nachgehen. Auf der anderen Seite hatte ich mir in dem einen Jahr in Costa Rica so viel aufgebaut, ich habe die Kultur adaptiert, die Landessprache erlernt, mir einen Freundeskreis aufgebaut sowie eine zweite Familie gefunden, welche mich auch ein Leben lang begleiten wird. In den letzten Monaten hatte ich viele Aspekte des Landes zu schätzen gelernt. Des Weiteren habe ich in Costa Rica mein bestes Jahr meines bisherigen Lebens erlebt und gelebt. Noch nie war ich so glücklich. Dazu kam noch die Ungewissheit, wann werde ich wieder meine liebgewonnen Familienmitgliedern wiedersehen, sowie meine Freunde? Als ich  vor einem Jahr aus Costa Rica aufgebrochen bin, war gewiss, dass ich nach einem Jahr wieder zurück nach Deutschland kehren werde. Mein Leben sollte sich nun wieder an dem Tag, an dem ich in das Flugzeug steige ändern. Also stieg ich schweren Herzens Ende Juli in den Flieger nach Deutschland.

 

Sonnenuntergang

 

Nach einem Monat habe ich mich wieder schon recht gut eingelebt. Jedoch denke ich sehr oft an Costa Rica. Spanisch zu sprechen vermisse ich sehr. Anfangs merkte ich auch noch, dass mein Deutsch etwas noch eingerostet war. Das Wiedersehen mit meinen Freuden und meiner Familie war schön und das Verhältnis hat sich auch nicht sehr verändert. Zu Beginn war in Deutschland am Flughafen mein Koffer weg, welcher sich aber nach einigen Tagen wieder Einfand. Im Großen und Ganzen hat sich nicht viel verändert und es vieles beim Alten geblieben und ich wurde in der Gemeinschaft wieder gut aufgenommen. Dieses Jahr hat meine Leben enorm bereichert und mich weitergebracht. Ich durfte viele Erfahrung sammeln und habe viel erlebt, konnte neue Dinge entdecken und sehen, was nur wenige in ihrem Leben erfahren werden.  Ich selbst konnte viel für mich  aus diesem Jahr mich mitnehmen und für immer wird dieser Auslandsaufenthalt mein Leben begleiten und prägen. Ich bin sehr dankbar für dieses Jahr und möchte jedem empfehlen, der die Chance hat ein Auslandsaufenthalt zu absolvieren, diese Chance zu nutzen. „Ein Schüleraustausch ist nicht ein Jahr in meinem Leben, sondern ein Leben in einem Jahr“.