Mittwoch, 28. Juni 2017
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Mein High-School-Jahr
Leben in den USA

 

Zweiter Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiat
Nico W. - USA


Stipendium vermittelt durch:

Carl Duisberg Centren

Schüleraustausch USA



 

Intro


Nun sind es schon fast sieben Monate, die ich mit meiner Gastfamilie in Minnesota zusammenlebe und hier zur Highschool gehe. Viele Probleme, die am Anfang kritisch waren, haben sich gelöst. Situationen, die vor sechs Monaten noch schwierig für mich zu bewältigen waren, kann ich inzwischen besser meistern. In diesem Bericht möchte ich nicht nur meine Erfahrungen und Erlebnisse mitteilen, sondern auch ein Leben hier in Minnesota mit meinem alten Leben in Deutschland vergleichen.

 


Schulaktivitäten


Im Januar und Februar gab es ein Projekt namens "One Act", an dem ich teilgenommen habe. Es war ein Theaterprojekt, bei dem wir innerhalb fünf Wochen ein 30 minütiges Theaterstück auf die Beine gestellt haben und dann zu Wettbewerben gefahren sind. An diesen Wettbewerben führte jede Gruppe ihr Stück vor und drei Juroren beurteilten die Aufführung. Alle Gruppen, die auf zwei Wettbewerben gewonnen hatten, trafen sich in Minneapolis, der Hauptstadt von Minnesota. Auch unsere Gruppe gehörte dazu. Wir gewannen beide Wettbewerbe mit dem ersten Platz. In Minneapolis wurden alle Theaterstücke noch ein Mal vor großem Publikum vorgeführt. Ich war für die Technik verantwortlich. Sowohl Licht als auch Ton (Soundeffekte, Musik) habe ich vorbereitet und live auf den verschiedenen Bühnen eingesetzt. Von März bis Mai gibt es ein neues Theaterprojekt. Ich mache wieder die Technik, weil mir das sehr Spaß macht. Dieses Mal werden wir ein Comedy Stück aufführen. Zudem bin ich neuerdings der Baseball Manager. Meine Freunde, die Baseball spielen, konnten mich erfolgreich überreden. Allerdings muss ich nicht zu jedem Training gehen, da ich nicht der Coach und kein Spieler bin. Viel wichtiger ist, dass ich zu all den Spielen komme und das Team dort unterstütze.

 

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Gewinnerfoto vom One Act Wettbewerb / Feier nach dem Wettbewerb

 

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Sicht vom Technikraum

 


Winter


Minnesota ist bekannt für den sehr kalten Winter. Alle meinten, dass es diesen Winter nicht sehr kalt war. Aber trotzdem kalt genug für mich. Vor allem im Januar hatten wir wochenlang unter -20°C. Manchmal sogar bis zu -35°C. So kalte Temperaturen hatte ich zuvor noch nie erlebt. Doch die Leute hier machen sich einen Spaß aus dem Winter. Aufgrund der Kälte sind alle Seen hier so fest zugefroren, dass wir sogar mit dem Auto darauf fahren konnten. Und das machen die Leute hier, um zu Fischen auf dem Eis. Ich war mit meinen Freunden Eisfischen und habe am zweiten Tag einen Fisch gefangen. Sehr vergnüglich finde ich Eisfischen nicht. Es kann aber schon ganz lustig sein, wenn Gesellschaft vorhanden ist. Zudem war ich ein Mal Snowmobilen. Wir sind hauptsächlich auf Waldwegen und Seen gefahren und hatten viel Spaß. Das war ein Erlebnis, das ich noch nie zuvor hatte. Natürlich gibt es hier auch Skipisten. Allerdings nur kleine, da es in Minnesota keine Berge gibt.

 

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Snowboarden / Eisfischen: Der erste selbstgefangene Fisch

 

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Snowmobiling mit Freunden auf einem zugefrorenen See

 


Spring Break Reise


Vor Monaten fragte mich meine Gastfamilie, welchen Staat in den USA ich gerne noch besuchen wollte. Meine Antwort war ganz klar: Kalifornien. Es zieht mich nicht nur nach Kalifornien, weil es dort schön warm ist und viele tolle Städte und Strände hat, sondern, weil dort all die großen Technikkonzerne ihren Hauptsitz haben. Meine Gastmutter erzählte mir dann, dass wir eine Reise nach Kalifornien in den Spring Break realisieren können. Natürlich war ich sehr aufgeregt und freute mich riesig. Mitte März ging es dann los. Wir sind zu fünft in Minnesota gestartet und zunächst nach Arizona zu den Großeltern meiner Gastschwestern gefahren. Dort waren wir für zwei Tage und haben uns hauptsächlich entspannt. Von dort ist es dann weiter nach San Diego in den größten Zoo von Amerika gegangen. Die nächsten zwei Tage haben wir bei Los Angeles im Disneyland und auf der Knotts Berry Farm, in einem Freizeitpark, verbracht. Übernachtet haben wir immer alle fünf in einem Zimmer.

 

Die letzten paar Tage waren wir dann in Las Vegas, da es nicht sehr weit von Kalifornien entfernt ist. Las Vegas war ganz klar mein Highlight der Reise. Es ist ein unglaubliches Gefühl, nachts durch die Straßen zu laufen mit all den Leuten, Casinos und Lichtern um einen herum. Am letzten Tag haben wir uns noch den Hoover Dam angesehen, der Staudamm, wo der Grand Canyon beginnt. Auf der Reise quer durch Amerika habe ich viel erlebt und gesehen und das wird wahrscheinlich eine Erinnerung sein, die ich so nie vergessen werde. Trotz alledem muss ich sagen, dass ich mir gewünscht hätte, zum Beispiel nach Hollywood zu gehen, da wir nur 20 Minuten von Hollywood entfernt waren. Von den Städten Los Angeles und San Diego habe ich nichts gesehen. Das fand ich sehr schade. Da hätte ich vielleicht einfach mit meiner Gastfamilie besser kommunizieren müssen. Jedoch wollte meine Gastmutter alles organisieren und meinte immer zu mir, ich soll ihr vertrauen und nicht so viel nachfragen.

 

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Mit Shelby und Delany am Hoover Dam

 

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Mit der Gastfamilie in der Wasserbahn / Las Vegas: Begenung mit den Transformers

 

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Im Disneyland

 

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Mit Shelby und meinem Gastvater am Hoover Dam

 


Meine Familie in den USA


In meiner Familie hier fühle ich mich zum großen Teil sehr wohl. Ich bin wirklich froh, eine so gute Beziehung mit der Familie aufgebaut zu haben. Ein Teil einer amerikanischen Familie zu sein freut mich außerordentlich und ich glaube nicht, dass ich solch eine Gelegenheit je wieder haben werde.


Viele Konflikte in der Gastfamilie haben sich gelöst, jedoch sind andere Dinge dazugekommen. Es hat sich einiges verbessert und leider so manch anderes nicht. In diesem Abschnitt möchte ich auch über die problematischen Dinge reden, da ich in meinem letzten Erfahrungsbericht schon sehr viel über die positiven Erlebnisse mit meiner Gastfamilie berichtet habe. Das heißt allerdings nicht, dass sich alles verschlechtert hat, sondern, dass ich auch über die Probleme berichten möchte. Ein Problem für mich ist, dass ich immer auf meine Handlungen achten muss. Ich muss mir immer darüber Gedanken machen, was ich in Anwesenheit meiner Gastfamilie mache ohne in irgendeiner Weise deren Gefühle zu verletzen. Nach der Schule oder am Wochenende fühlt es sich so an, dass ich immer einen guten Grund brauche, um mich zurückzuziehen. Ich möchte nicht, dass es sich wie eine Beleidigung für meine Gastfamilie anfühlt, wenn ich in mein Zimmer gehe. Und doch möchte ich manchmal einfach nur entspannen, Musik hören oder Hausaufgaben machen. Aber sogar beim Hausaufgaben machen möchte die Familie, dass ich diese im Wohnzimmer mache. Allerdings läuft oft der Fernseher nebenher oder die Familie unterhält sich gerade, so dass ich mich nicht wirklich konzentrieren kann.

 

Ein anderes Beispiel ist, dass ich zum Entspannen gerne YouTube Videos anschaue oder Musik höre. Wenn ich auf dem Sofa im Wohnzimmer mit Kopfhörer dasitze, kommt das bestimmt nicht gut an. Allerdings möchte ich nicht die Lautstärke so weit aufdrehen, dass es alle anderen Geräusche für mich ausblendet. Dann muss ich mir jedes Mal Gedanken machen, ob ich mich jetzt in mein Zimmer zurückziehen kann ohne irgendwelche Gefühle zu verletzen. Solche Situationen sind nicht immer einfach. Natürlich habe ich schon oft mit meiner Gastmutter darüber geredet, aber wirklich lösen konnten wir das Problem nicht. Zudem habe ich viele Hobbys, die ich an meinem Laptop ausübe. Dazu gehört Videos schneiden, Fotos bearbeiten, Homepages designen und vieles mehr. Meine Gastfamilie sieht es allerdings gar nicht gerne, wenn ich an meinem Laptop bin.

 

Ich muss also immer genau darauf achten, was ich mache und kann somit nicht wirklich frei handeln wie zuhause in Deutschland. Dort kann ich einfach in mein Zimmer gehen und niemand fühlt sich beleidigt. Meistens verstehe ich mich gut mit meiner Gastfamilie und ich habe wenig Probleme mit ihnen. Jedoch ist die Familie manchmal sehr anders als ich und das führt dann dazu, dass ich sie nicht wirklich verstehen kann und sie mich wahrscheinlich ebenfalls nicht. Ich versuche sie trotzdem zu respektieren.

 

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Mit meinen Gastschwestern (Bailey, Delany, Shelby) in einem Restaurant

 

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Mit meinem Gastvater im Disneyland

 

 

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Mit Delany und Shelby in Las Vegas


Mir gefällt es, dass ich meist zu der Familie dazugezählt werde und auch so behandelt werde. Allerdings ist mir auch aufgefallen, dass ich in manchen Situationen von meiner Gastfamilie nicht so respektiert und behandelt werde wie ein Mitglied der Familie. Ich möchte hier die Gastfamilie nicht herunterziehen oder sie beleidigen. Das wäre genau das Gegenteil, was ich von ihr denke. Die Gastfamilie hat meinen größten Respekt und Dank dafür, mich für eine so lange Zeit aufzunehmen und zu versuchen, mich in die Familie zu integrieren. Jedoch gibt es Situationen oder Phasen, in denen ich mich ignoriert und schlecht behandelt fühle. Ich finde, dass man nicht an den guten und glücklichen Zeiten, sondern in den stressigen und schwierigen Zeiten erkennt, wie gut eine Familie zusammenhält. Genau das ist hier ein Problem. Es gab Zeiten, in denen meine Gastfamilie recht ignorant zu mir war. Ein kleines Beispiel: Mein Bruder würde nie eine Türe direkt vor mir zufallen lassen und genau wissen, dass ich drei Schritte hinter ihm bin. Meine Gastschwester hat das aber des öfteren gemacht, was mich jedes Mal verwundert. Es gab noch andere Situationen, bei denen ich ignoriert wurde oder mich ausgeschlossen gefühlt habe.


Fazit: In guten und glücklichen Zeiten fühlt sich meine Gastfamilie an wie eine zweite Familie. Leider aber nicht in schwierigen Zeiten. Sie ist für mich aber meine amerikanische Familie und dafür bin ich sehr froh. Ich bin glücklich mit meiner Gastfamilie und glaube nicht, dass es mit einer anderen Familie besser wäre. Das ein oder andere Problem würde es vielleicht nicht geben, dafür würden neue dazukommen. Meine Gastfamilie und ich haben oft viel Spaß und verstehen uns gut und wir kommen uns immer näher. Ich finde meine Gastfamilie prima und ich
bin glücklich darüber, eine Familie in den USA zu haben.


Lebensstil


Ich genieße es, den amerikanischen Lebensstil in vollen Zügen miterleben zu können und hier nicht als Tourist zu leben. Einiges gefällt mir sehr gut, doch manche Dinge bevorzuge ich in meinem gewohnten deutschen Lebensstil gegenüber dem in Minnesota. Das fängt an beim Essen. Hier ist es oft fettiger und vieles ist nicht gekocht sondern nur aufgewärmt. Ebenfalls bevorzuge ich es, in einer Kleinstadt zu leben und nicht auf dem Land. In unserem Ort hier gibt es sechs Häuser und zum nächsten Dorf mit 300 Einwohnern sind es fast 18 Kilometer. Busse gibt es nicht und Züge nur zum Transportieren von Gütern. Daher gibt es zuhause nicht viel zu machen. Die Hauptattraktion zuhause ist Netflix. So gut wie niemand in Minnesota geht spazieren oder fährt Fahrrad. Eine große Nachbarschaft haben wir natürlich auch nicht. Wenn die Leute sich also nicht besonders gut mit ihren Nachbarn verstehen, haben sie niemanden in ihrer nahen Umgebung, mit dem sie spontan "abhängen" können.

 

Gerüchte sprechen sich hier auf dem Land extrem schnell herum. So hat mich meine Gastmutter schon oft wegen Dingen angesprochen, die gar nicht gestimmt haben, die sich aber einfach herumgesprochen haben. In Deutschland am Bodensee dagegen kann ich mich am Abend noch mit einem Freund treffen, der fünf Minuten zu Fuß von mir entfernt wohnt. Ich kann mit einem Bus innerhalb fünfzehn Minuten zur nächsten größeren Stadt fahren und muss mir keine Gedanken machen, wie ich wieder zurückkomme. Außerdem bin ich in Deutschland nicht so abhängig von meiner Familie wie hier. Wenn ich hier irgendwo hin möchte, muss ich immer meine Gasteltern oder Gastschwester fragen. Das liegt natürlich auch daran, dass ich nicht Autofahren darf. Jedoch würde ich generell sagen, dass man hier mehr abhängig von seinen Eltern ist. Viele Schüler sind sehr gebunden an ihre Eltern und müssen immer um die Erlaubnis der Eltern fragen, um mit jemandem auszugehen oder sich nur mit Freunden zu treffen. Damit habe ich jedoch die wenigsten Probleme in meiner Gastfamilie.

 

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Mit zwei Freunden bei einer Feier / Mein erstes NBA Basketball Spiel


Zuhause


Ich fühle mich inzwischen in meiner Gastfamilie wohl und es wird auch immer besser. Ebenfalls bin ich dankbar dafür, ein Zuhause in Amerika zu haben. Jedoch war es für mich nicht einfach, mich an ein komplett neues Zuhause zu gewöhnen. Für mich fühlt es sich hier immer noch nicht wie ein daheim an. Dies liegt bestimmt auch daran, dass hier Hunde im Haus sind. Ich komme zwar jetzt gut klar mit den Hunden, aber bei mir daheim möchte ich keine Hunde haben. Der amerikanische Lebensstil ist nicht wirklich meiner. Dies schließt aber nicht aus, dass ich später vielleicht in den USA leben werde. Wahrscheinlich aber nicht in Minnesota.


Intuition in der Sprache


Seitdem ich in den USA bin, habe ich keine Probleme mehr in der englischen Sprache. Es ist nun viel leichter für mich, kompliziertere Konversationen zu führen. Über vieles denke ich gar nicht mehr nach, sondern rede intuitiv. Gerade mit Freunden und meinen Gastschwestern fällt mir auf, dass ich aufgrund meines guten Verständnisses und meiner Ausdrucksweise genauso viel Spaß im Englischen haben kann wie im Deutschen. Außerdem sind Filme auf Englisch schon fast normal geworden. Ich denke, dass ich noch in den nächsten zwei Monaten mein
Englisch weiter verbessern werde.


Persönliches Fazit


Dieses besondere Auslandsjahr genieße ich sehr und bereue es in keiner Weise. Zwar möchte ich hier auf dem Land nicht für ewig leben, da es nicht mein Lebensstil ist. Es ist und bleibt aber ein Jahr mit vielen guten Erlebnissen. Ich bin froh, so viel dazuzulernen und neue Erfahrungen zu sammeln, die ich sonst wahrscheinlich nicht gemacht hätte. Ein Teil einer amerikanischen Familie zu sein, ist für mich etwas ganz besonderes, das ich nicht mehr missen möchte.