Dienstag, 24. Oktober 2017
Herzlich Willkommen bei Weltbürger-Stipendien!

Du befindest dich hier: weltbuerger-stipendien.de » WELTBÜRGER-Stipendiaten » Ira W. (Costa Rica)


Schüleraustausch Costa Rica

 

Erster Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Ira W.


Stipendium gestiftet durch:
CAS - Costa Rica Austauschservice



Schüleraustausch Costa Rica



 

Mein Name ist Ira Lily W. ich bin sechzehn Jahre alt und gehe in die 10. Klasse des Helene Lange Gymnasiums in Hamburg. Vor etwa drei Monaten habe ich meinen Auslandsaufenthalt in Costa Rica begonnen und nach und nach das kennengelernt was ich für ein Jahr mein Zuhause nennen darf. Hier möchte ich Euch und Ihnen von meinen persönlichen Erfahrungen berichten.


Meine ersten drei Monate hier, in Costa Rica, sind wie im Flug vergangen. So rutschte und schlidderte ich, berauscht von all den neuen Eindrücken, durch die ersten Wochen. Bananenstauden, Kaffee- und Zuckerrohrplantagen, Agaven, prächtige Palmen und tropische Blumen umgeben mein neues Zuhause in dem ich mit meiner Gastmutter, meinen beiden Gastbrüdern und ihren drei Hunden und vier Katzen wohne. Die Berghänge ziehen sich zu unserer Linken hoch, Tukane und Kolibris durchkreuzen den parkähnlichen Garten in dem ich in Bambusschaukeln sitzen oder Zitronen, Bananen und Orangen pflücken kann.

 

Vegetation Costa Rica Pferde Costa Rica Strand Costa Rica

 

Elf Kilometer sind es bis zum nächsten, am Fuße des Vulkan Turrialba (3.328 m) gelegenen, Dorfes: eine Ansammlung bunter Bungalows beherbergen Queserías, Fruterías, Carnerías und die Eisdiele meiner Mutter. Jedes zweite Wochenende nehmen meine Gastbrüder und ich den Bus in die siebzig Kilometer entfernte Hauptstadt San José in der die meisten Austauschschüler mit ihren Familien wohnen. Dort besuchten wir das neoklassizistische Nationaltheater das zu einem der schönsten Mittelamerikas gehört, erkundeten das Gassengewirr des fremdartigen Mercado Central, gingen ins Kino und in den Einkaufszentren spazieren. Oft besuchten wir Freunde und Familie und so lernte ich auch die im Norden liegenden Strände kennen an denen die Großfamilie meines Gastvaters unter Mangobäumen ihr Haus stehen hat. Mit CAS besuchte ich den Arenalvulkan, badete dort in den Thermalquellen und durchquerte über sieben Seilbahnen den Regenwald. Mit meiner Gastmutter bestiegen wir die Mondlandschaft des Vulkanes Irazú und in Sámara konnten wir am Strand entlang galoppieren oder uns mit dem Surfbrett in die salzigen, donnernden Wellen wagen.

 

Vulkan Costa Rica Ausflug Costa Rica Vulkankrater Costa Rica

 

Unter all den neuen Eindrücken wurden die Tage zu einem nervösen, bunten Strom und ich versuchte mich schnell mit dem nötigen Vokabular auszurüsten um dem standzuhalten und mich mitteilen zu können. Darüber hinaus begann ja die Schule schon nach dem ersten Wochenende mit meiner Familie. Dort fällt es mir weniger leicht mich einzugewöhnen doch mit der Zeit gewinne ich die costaricanische Gelassenheit; "tranquilla" wird mir hier häufig geantwortet wenn meine kleinen Sorgen größer scheinen. Dann fühle ich mich in all der tropischen Fremdheit hier zuhause und ohne das es an Exotik verliert scheint doch alles hier immer mehr mit meiner Heimat zusammenzuwachsen und ich bin sehr glücklich über die neuen Freundschaften die ich schon geschlossen habe und noch schließen werde.

 

Gastfamilie Costa Rica Volkstanz Costa Rica Freunde Schüleraustausch

 

Ich entschied mich im November letzten Jahres ein Jahr im Ausland zu verbringen. Meine Mutter besuchte eine Informationsveranstaltung auf welcher Schüler meiner Schule von ihren Erfahrungen im Ausland berichteten und kam begeistert zurück. Unabhängig davon wurde ich am selben Tag gleich zwei Mal ermutigt einen Auslandsaufenthalt zu wagen. Nach dem Abendessen war die Entscheidung gefallen. Obwohl ich nicht wusste was auf mich zukommen würde, fühlte ich doch, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte und bin mir jetzt mit nichts sicherer. In den folgenden Monaten wählten wir das Land und die Organisation aus, sprachen mit Bekannten die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten, führten Skype-Gespräche mit CAS, besuchten das Vorbereitungsseminar in Berlin und waren eine Woche vor dem Abflugtag bereit für mein Abenteuer. Nach der ersten E-Mail meiner Gastmutter schrieben wir immer öfter auf Whatsapp, dann folgten Sprachnachrichten und schließlich konnten wir uns über Skype das erste Mal sehen. Mit jedem Tag weniger der mir noch in Deutschland blieb fühlte ich mich mit meiner Entscheidung wohler und sicherer.

 

Ausföug Costa Rica Schülergruppe Costa Rica

 

Wenig später fanden wir Hamburger uns auch schon, bereit zum Abflug, am Flughafen ein. Zusammen verabschiedeten wir unsere Eltern und beeilten uns endlich ins Flugzeug zu steigen um dreizehneinhalb Stunden später die Lichter San Josés unter uns zu erblicken. Wir flogen dicht über die Cordillera Volcánica Central und ich staunte darüber wie bergig Costa Rica ist. An den Ausläufern der Bergketten wurden die letzten Häuser von den Wäldern verschluckt und bis zur plötzlich eintreffenden Morgendämmerung versteckte sich Costa Rica vor unseren Augen.

 

Nachdem sich unsere Gruppe allein, müde und aufgeregt durch Passkontrollen und den Zollbereich geschlängelt hatte, wurden wir von CAS am Flughafen empfangen und kurz darauf ordneten wir unsere Koffer auf das Dach eines winzigen Kleinbusses und uns selbst, in drei Reihen ohne Mittelgang, ins Innere des Busses.

 

Inzwischen war viel Verkehr auf den Straßen unterwegs, der Tag begann hier viel früher als in Deutschland und als wir das Zentrum der Hauptstadt San José erreichten, war Alles auf den Straßen. Und als ich die bunten Bungalows, die vielen Hunde und Schaukelstühle sah, da erschien es mir auf einmal so unwirklich, dass ich hier ein Jahr leben sollte, in der Fremde, in der Wärme, in den Tropen, dass ich mich gegen die Flut an neuen Eindrücken sträubte. Wie in Deutschland gepflückt, hier kurz heiß eingetunkt, und dann am Schopf gepackt und hoffentlich schnell wieder herausgezogen, fühlte ich mich. Sicher, dass es genauso werden würde, versuchte ich meine Ankunft für meine Eltern in Fotos festzuhalten, um mein Erleben mit ihnen zu teilen.


Nach einer waghalsigen Berg- und Talfahrt und dem dazugehörigen Nervenkitzel, stärkten wir uns im Hotel, hoch oben in den Bergen, mit phänomenaler hundertachtzig Grad-Sicht auf ganz San José. Unsere Zimmer lagen direkt am Abhang, in der Ferne ragte der, mit seinen 3.432 Metern, höchste Vulkan Costa Ricas, der Irazú (grollender Berg) auf. Nebel kroch ab der Mitte des Tages von unten über den Rand unserer Aussichtsplattform und drang über die Frontscheibe unserer Zimmer auch ins Innere.

 

Bergdorf Costa Rica Berge Costa Rica

 

Die eineinhalb Tage dort oben waren bisher die einzigen die ich als kühl empfunden habe und darüber bin ich immer noch froh, auch wenn ich mir inzwischen schon öfter eine kühle Nordseebrise herbeigesehnt habe.

 

Nach dem Frühstück lernten wir endlich die komplette Anzahl der CAS-Betreuer kennen. Auf Spanisch und Deutsch spielten wir verschiedenste Spiele und lernten uns so innerhalb einiger Stunden gut kennen. Nachdem wir uns miteinander, mit CAS, dem Austausch und dem Land vertraut gemacht hatten, bestiegen wir nach eineinhalb Tagen, ausgerüstet mit einer Infomappe und vielen möglichen neuen Freunden, den selben Bus in Richtung Zentrum San José um von unseren Gastfamilien abgeholt zu werden. Endlich begann sich in mir die große Freude auszubreiten die ich seit meiner Ankunft erwartet hatte. Meine Nervosität machte Aufregung und Vorfreude Platz und ich dachte an die lieben Nachrichten meiner Gastmutter auf Whatsapp und an meine Ankunft, die mit dem Geburtstag meines jüngeren Gastbruders zusammenfiel und deshalb einen feierlichen Start erhalten würde.

 

In unserer gemeinsamen Nervosität schalteten wir irgendwann die Musik im Bus aus und streckten die Finger durch die geöffneten Fenster und unsere Haare flatterten nervös mit unseren Herzen im Fahrtwind. Als wir ankamen hatten wir zum Glück noch ein paar Minuten Zeit bevor die ersten Familien eintrafen. Ich wippte auf den Zehenspitzen, machte mich bei jedem ankommenden Auto lang und starrte hinter die Autofensterscheiben um dort irgendwann das Gesicht meiner Gastmutter zu entdecken. Mit ihr stiegen meine beiden Gastbrüder aus und sie wirkten auf mich zuerst vor allem klein. Wir freuten uns und meine Gastmutter und die costaricanische CAS-Betreuerin quasselten sofort auf Spanisch los. Vergeblich versuchte ich ihnen zu folgen, verstand aber ihr Lachen und die Umarmung, die meine Gastmutter mir gab.


Wie selbstverständlich hat sie mich sofort als Familienmitglied angesehen und behandelt; die ersten Worte wechselten wir im Auto und davor, und es war unverkrampft und ganz ohne die umständliche Scheu die es hätte geben können. Ich fühlte mich sofort wohl. Auf dem Weg lernte ich einige costaricanische Begriffe und wenig später eine Reihe von Freunden meiner Gastmutter kennen. Ein bisschen durcheinander aber glücklich versuchte ich mir gleichzeitig alle Namen einzuprägen, den Ge-
sprächen zu folgen, zu essen und zu trinken. Mein jüngerer Gastbruder erhielt Geschenke, wir aßen Ku-
chen und kamen schließlich nach zweistündiger Fahrt, gegen Mitternacht, in meinem neuen Zuhause an.

 

An meinem ersten Wochenende habe ich Berge von Mangos gegessen (ich liebe Mangos:)!!) und den nahen Fluss kennen gelernt. Nachdem ich die darin treibenden Bananenblüten und Palmenblätter bestaunt und das klare, schnell strömende Wasser genossen habe, sind wir durch den Fluss gewatet um über das Gebäude einer ruinengleich pittoresken Kaffeefabrik zurück zum Haus zu gelangen. Dort tauchte plötzlich ein Tapir aus dem Gebüsch auf, tanzte einen seltsamen Tanz und verschwand.

 

Schüleraustausch Costa Rica Haus Costa Rica Hund Costa Rica

 

Mein erster Schultag verlief viel chaotischer als erwartet: Keiner meldete sich im Unterricht, man rief den Lehrer einfach energisch bei seinem Vornamen. Alle redeten sofort schnell auf mich ein, küssten sich auf die Wange, umarmten die Lehrer, schrieen durcheinander oder diskutierten Facebook-Schönheiten und die heimische Küche. Ich brauche noch immer etwas Zeit um dort meinen Platz zu finden.

 

Schule Costa Rica Freunde Costa Rica Gastbruder Costa Rica

 

Schon am darauf folgenden Wochenende lernte ich die Hauptstadt San José kennen. Meine Gastbrüder und ich fuhren mit dem Bus zum Haus meines Gastvaters und meiner Gastoma. Meine Cousinen lebten im selben Kondominium, ein paar Häuser weiter. An diesem Tag besichtigten wir das Nationaltheater und ein Museum, dessen Kunst- und Münzausstellung, sowie ein Portrait der acht indigenen Völkergruppen Costa Ricas. Dann ließen wir uns im bunten Gewimmel der sich geschäftig durch Gassen drängenden Ticos treiben. Mittags besuchten wir den Mercado Central der mich sofort in seinen Bann schlug. Wir betraten seinen, wie zu einem Wohnhaus gehörend aussehenden, Eingang und fanden uns in einem überdachten Labyrinth kleiner Gassen wieder. Kochdunst stieg von den engen, hier "Soda" genannten, Restaurants auf und vermischte sich mit dem Duft von Gewürzen, Kaffee und Leder. Man verkaufte brutzelnde Empanadas (Teigtaschen), alle Variationen des klassischen Gerichts Arroz con Pollo (Reis mit Hühnchen), fremdartige Gemüse- und Obstsorten, sowie Fisch und Fleisch neben Sätteln und traditionellen Tonkaraffen und noch vielem mehr. Ich war hin und weg!

 

Costa Rica

 

Einige Tage später besuchte ich zusammen mit meiner Gastmutter meine erste Salsa- und Merenguestunde. Ich war sofort begeistert und meldete mich verbindlich für den Kurs an. Langsam habe ich meine anfängliche Scheu verloren und kenne inzwischen auch die Tanzschritte. Vor ein paar Wochen haben meine Gastmutter und ich die Probe gemacht: Bis drei Uhr morgens habe ich den richtigen, tico-haften Hüftschwung nachgeahmt und bin dann müde und glücklich nach Hause zurückgekehrt.


Vor wenigen Tagen bin ich mit CAS nach Panama auf meinen dritten und bisher längsten Ausflug gefahren. Ich bin begeistert! In Wassertaxis fuhren wir einen palmengesäumten Strand nach dem nächsten an, bestaunten dort tellergroße Seesterne, schnorchelten und hatten sogar das Glück Delfine zu beobachten. Die Nächte verbrachten wir in einer Reihe blaugestrichener Holzhäuser, direkt über dem Meer. Ich konnte gar nicht genug am und im Meer sein und so nahmen wir am dritten Abend kurzerhand unsere Decken mit zu den Betten auf der, auf Stelzen über das Meer gebauten, Holzplattform und schliefen in dieser warmen Nacht unter dem Sternenhimmel.

 

Bootsfahrt Costa Rica Costa Rica High School

 

Am Morgen standen wir zum Sonnenaufgang um halb sechs auf, sahen Rochen und Schwärme kleiner silberfarbener Fische unter uns vorbeiziehen. Später zogen die ersten Fischerboote, schmale, grob gezimmerte und bunt angestrichene Kanus, aufs Meer hinaus und wir grüßten sie vom Steg aus. Gegenüber unserem wundervollen Hotel waren die Häuser auf Stelzen bis ins Wasser hinein gebaut. Dort, auf der Hauptinsel, legten wir mit unseren Wassertaxis an um in einer der verrückten, kunterbunt karibischen Bars am Ufer ein großes Eis zu genießen. Als wir uns nach der letzten rasanten Fahrt von dem Meer und unseren Wassertaxi-Fahrern verabschiedet hatten, stiegen wir in den Bus und überquerten wenig später über eine marode Eisenbahnbrücke die Grenze zu Costa Rica.


Nachdem ich auf den letzten drei CAS-Ausflügen den Strand und das Meer auf der Pazifikseite, den Vulkan Arenál und die Karibikküste innerhalb von nur drei Monaten kennen gelernt habe, werde ich die nächsten eineinhalb Monate hier verbringen. Dann wartet eine Reihe von angebotenen Freiwilligenprojekten auf mich. Am liebsten würde ich beim Schildkrötenschutz oder in einer autark arbeitenden Siedlung in den Bergen bei der Käseherstellung, der Kaffeeernte und dem Schutz der Regen- und Nebelwälder mithelfen.

 

Ausfug Costa Rica Sonnenuntergang Csta Rica

 

Kurz darauf, nur eine Woche später, nimmt mich meine Familie mit auf eine einmonatige Reise zu ihren Verwandten nach Mexiko! Dort werden wir alle zusammen, zu etwa zwanzig Personen, Weihnachten und Silvester feiern. Ich bin schon ziemlich aufgeregt und inzwischen auch die ganze Familie! Meine Gastmutter schwärmt von mexikanischen Spezialitäten, verspricht mir eine Piñata zu Weihnachten und plant aufgeregt die verschiedensten Ausflüge und die dort stattfindende Geburtstagsfeier meines älteren Gastbruders.


Inzwischen habe ich mich soweit zurechtgefunden dass ich nun meinen Alltag mehr und mehr mitgestalten kann. Noch habe ich mich nicht vollends entschieden, die Auswahl besteht zwischen einer zusätzlichen Tanzstunde mit Jugendlichen aus dem Dorf Turrialba und Reitunterricht in einer Ranch in unmittelbarer Nähe, wo eine Schar deutscher Mädchen ihr soziales Jahr absolviert. Außerdem gibt es in der benachbarten Universität einen Kletterkurs und einen Chor und darüber hinaus hundert Dinge die es noch zu entdecken gibt. Nicht zuletzt habe ich jetzt auch einige Freunde gefunden die ich noch besser kennen lernen will und eine wundervolle Gastfamilie und Verwandtschaft die ich sehr lieb gewonnen habe und der ich das gerne noch mehr zeigen würde. Ein Jahr erscheint mir viel zu kurz um Costa Rica zu entdecken aber nicht um es, so intensiv es mir gelingt zu erleben.

 

Entdeckung Costa Rica Baden Costa Rica