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Schüleraustausch Costa Rica -
Ein neues Zuhause, eine neue Familie

 

Dritter Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Ira Lily W.


Stipendium gestiftet durch:
CAS - Costa Rica Austauschservice



Schüleraustausch Costa Rica



Neue Schule, neuer Anfang

 

Zuletzt berichtete ich euch von meinem mexikanischen Weihnachtsfest, flammend scharfen, adventlichen Süßigkeiten, Silvester in der Fremde und dem neuen Jahr am costa-ricanischen Strand…. Jetzt erinnert ihr euch bestimmt wieder! ;)


Neue Freundinnen Meine Klasse

 

Nach diesen grandiosen Ferien lernte ich meine neue Klasse kennen. Wie ihr euch vielleicht noch erinnert, hatte ich mich früh zu einem Schulwechsel entschieden und konnte nun, zusammen mit meinen Gastbrüdern, die größte staatliche Schule des Dorfes besuchen. Der Tag der Einschulung verlief durchaus chaotisch. Ich trug zum ersten Mal eine Uniform in der ich fast gut aussah und das motivierte mich schon um etwa 5:30 Uhr, der in Costa Rica üblichen Zeit, aufzustehen.


Später saß ich dann in der Sporthalle der spärlich renovierten Schule und versuchte mich möglichst lässig und motiviert zu geben. Ich hatte Glück, denn die Freundinnen meines Gastbruders begrüßten mich gleich "typisch tico": überschwänglich, liebevoll und unermüdlich redend und lachend einnehmend. Sie rutschten zur Seite, so dass ich mich zwischen sie setzen konnte und so hatte ich unerwartet einen Platz unter den wohl etwa tausend, sich in die kleine Halle drängenden Schüler/innen gefunden. Die herrschende Aufregung steigerte sich noch als die Aufteilung in die Klassen (pro Stufe waren es etwa acht) begann. Ich schaute mich um: die Schlichtheit der Uniform wurde allgemein als ein guter Anlass gesehen, sich und seine Person noch mehr in Szene zu setzen. Trotz des offiziellen Verbots außergewöhnlichen Aussehens aller Art, waren hier die verschiedensten Typen versammelt.


Der Trick ihres Zusammenlebens schienen mir gerade entdeckte Verhaltensnormen zu sein: Mir fiel auf, dass beinahe alle Mädchen die Haare in eine Vogelflug-V-Formation geschnitten trugen und man das rechte Bein über das linke schlagen musste. Es war gut, schon um diese Uhrzeit einen Tetrapak Orangensaft, einen giftig aussehenden Mango-Salz-Lolli oder eine Tüte Chips in der Hand zu halten und es wäre ganz falsch gewesen, dergleichen von zu Hause mitzubringen. Die Mädchen trugen ein buntes Desinfektionsfläschchen am Rucksack, Jungs eine Mini-Musikbox. Als Gentleman trug man eine eckige Brille, als beliebtestes "Girlie" einen zu hoch gezogenen Faltenrock statt der Hose.

 

Ich machte mir nichts aus diesen Gesetzen und manchmal (so glaube ich im Nachhinein) machte ich mich auch lächerlich. Mir gefiel die neue Schule, ich fand sofort Freundinnen, war beliebt und fühlte mich wohl. Es gab kaum Hausaufgaben, oft endete der Unterricht schon nach vier Stunden und die Lehrer begannen ihre Klasse mit dem Ziel, schon bald in irgendwelche Klatsch-Gespräche mit den Schülern abzudriften. Ganz interessiert waren sie an Deutschland und seiner Andersartigkeit und genauso war ich froh um alles, was sie mir aus ihrem Leben erzählten. Manchmal waren es erstaunliche Geschichten.

 

Meine Energie setzte ich jetzt bewusst dazu ein, Freunde zu gewinnen und im Unterricht mitzuarbeiten; zu Hause war ich dadurch etwas stiller und öfter mit Hausaufgaben und Arbeitsvorbereitungen beschäftigt. In meiner Schule stand ich in der zwanzigminütigen Frühstückspause mit dem durch alle Klassen hindurch beliebtesten Sandwich am Tresen der kleinen Kantine und plauderte mit der Frohnatur, welche die Sandwiches verkaufte. Es liefen die sich täglich wiederholenden Salsa-, Bachata- oder Cumbia-Rhythmen, die ich nun endlich tanzen konnte und als ich mich mit dem Lieblings-Sandwich in der Hand automatisch zur Musik bewegen wollte, stieß mich jemand Nettes an, den ich kannte: Ich sollte besser nicht öffentlich tanzen. Ich tanzte auf der Straße, in der Schule und zu Hause, immer dann, wenn ich vergaß, dass ich es lassen sollte. Das war mein Erkennungsmerkmal.

 

Meine nur siebzehnköpfige Klasse hatte sich in Kleingrüppchen aufgespalten und man erwartete von mir, mich einer dieser Gruppen zuzuordnen. Ich versuchte mich mit allen anzufreunden und verbrachte schließlich die meiste Zeit mit zwei Mädchen, die sich mehr als alle anderen für mich zu interessieren schienen. Sie wollten engagierter meine Freundinnen sein als ich die ihre und auf sie konnte ich zählen, sie würden mir gegenüber immer loyal sein. Manchmal fragte ich mich, warum sie sich mir gegenüber so treu verhielten und forderte sie auf kritischer zu sein.
Wir sind sehr verschieden. Doch Verschiedenheit als Basis für Freundschaften hatte sich in Costa Rica bewährt. Eine von beiden ist fleißig, orthodox, fromm und sogar gottesfürchtig. Die andere treu, offen, kompromissbereit, kämpferisch und einfach "ein guter Mensch". Beide haben kaum über Kleidung und Lebensmittel hinausgehendes Eigentum. Sie schreiben mir jeden Tag, dass sie mich schrecklich vermissen.

 

Ausflüge mit CAS

 

Neben der Schule brachten die ersten Monate wenig Neues. Manchmal langweilte ich mich ein wenig. Darauf folgte unser nächster CAS Ausflug! Der berühmteste Strand Costa Ricas:

 

Strand Costa Rica

 

Wir von CAS wussten, als wir das kleine, vulkanit-rote Hotel sahen: Das ist unsere Burg! Es gab unendlich viele Etagen mit Zimmern, die wie Astlöcher in unserem CAS-Baum saßen. Die verschiedenen Etagen waren über schmale Metalltreppen miteinander verbunden und führten schließlich hinauf in die Krone: der pragmatische Hotelbesitzer hatte seine Dachterrasse zu unserem Schlafzimmer gemacht! Es gab ein, unter dem Wellblechdach hängendes, Bett in dem man auf seinen Schlaf aufpassen musste, wenn man nicht wie ein Vogeljunges an allen Etage vorbei in die Tiefe stürzen wollte. Drei weitere Betten standen dort oben, von ihnen aus ließ sich das Muster der staubigen Straßen beobachten: ein Mann rollte einen Handkarren die eine Straße bis zu der Ecke herunter, an der eine Frau auf der anderen Straße ihre Wäsche mit in die Hütte nahm.

 

Am Strand Strand CAS

 

An der hüfthohen Brüstung der Terrasse hing eine Lichterkette, ein paar Yogamatten lagen in einer Ecke zusammengerollt. Die Glücklichen, die hier schlafen durften, schliefen der Mücken und der Hitze wegen die ganze Nacht über nicht und wurden, als sie irgendwann morgens doch endlich eindösten, von einem strahlenden Sonnenaufgang geweckt.

 

An diesem Ausflug nahmen erneut einige Schüler der Austauschorganisation YFU teil.
Das war gut, weil wir so regelmäßig neue, nette Leute kennenlernten. In Manuel Antonio besuchten wir den Nationalpark und die darin inbegriffenen Strände. Hier sahen wir in einer Baumkrone ein Faultier sitzen, außerdem Waschbären die es auf unser Eigentum abgesehen hatten (wie diesen hier ), ein paar Leguane und vor allem Affen in allen Ecken. Über einen Kletterpfad erreichten wir eine kleine, von Felsen umringte Bucht und ließen uns in den anbrandenden Wellen treiben. Im glasklaren, türkisfarben- leuchtenden Wasser kaute ich meinen Apfel und hatte einfach Spaß, bevor wir zu einer Wanderung mit der neu zu uns gestoßenen Betreuerin aufbrachen, auf der sie uns alles über die Natur am Wegrand erzählte.

Bevor wir aufbrachen, verbrachten wir noch mehr Zeit am Strand. Später ließen wir uns zu einem Eis einladen und genossen den Sonnenuntergang an einem touristischeren Strandabschnitt, der an die Promenade grenzte. Abends im Hotel, nach Pizza und kühlen Getränken, verabschiedeten wir unsere ehemalige CAS Betreuerin und verbrachten den Rest des Abends im Hotelpool.

 

Ich werde mehr und mehr Teil der Familie


In diesem Frühjahr brachte die Mutter meiner Gastmutter Mexiko nach Costa Rica und eröffnete ein mexikanisches Mini-Bistro. Ich wurde glücklicherweise zum Vortester ausgewählt und bin nun Experte für Schärfe und außergewöhnliche Soßen. Ich half mit bei der Planung, dem Streichen der Wände und gewann meine mexikanische Oma als neues Familienmitglied schnell lieb. Wie immer verbrachten wir viele unserer Wochenenden bei Freunden. Die engsten kamen aus Guatemala und wir mixten in den Küchen die verschiedenen Chili-Sorten und meine mexikanische Oma und die aus Guatemala angereiste Großmutter der Kinder der Freunde stritten sich lautstark über die offensichtlich trickreichen Zubereitungsarten von schwarzen Bohnen.

Gastfamilie Gastgroßmutter

Ich gehörte immer mehr zur Familie und das mehrfach: Ich war Familienmitglied in einer peruanischen, einer guatemaltekischen, mehreren mexikanischen, costa-ricanischen und mexikanisch-costa- ricanischen Familien. Man richtete sich direkt an mich, oft für besonders schöne Gespräche: mit Lebensweisheiten und Neuigkeiten und Fragen. Großeltern, Freunde, Kinder der Familien: alle hatten mich lieb, nahmen mich ernst und setzten sich sogar für mich ein. Selbstverständlich war ich von ihnen abhängig, oft musste ich sie in Anspruch nehmen, sie fuhren für mich Auto, ich aß, lebte manchmal für kurze Zeit mit ihnen, sie machten mir Geschenke und sorgten sich um mich. Ich weiß ich habe einfach nur Glück gehabt, das Glück gehört mir nicht und hat mir trotzdem etwas mir Unabsprechbares gebracht. Das Glück ist jetzt nicht unbedingt für immer mit mir verbunden, aber die Erlebnisse, die es hervorgebracht hat, schon. Ich bin allen, die diese Besonderheit nun mit mir teilen, auf immer sehr dankbar.

 

Meine Geburtstagsparty

 

Bei dieser Gelegenheit muss ich auch an mein Geburtstagsfest eine kleine Hymne schreiben! Man hat mich meisterhaft überrascht und mit Geschenken überschüttet ;)….
Es war eine im Untergrund organisierte Feier, die erforderte, dass mein Gastbruder vier Tage und Nächte in Boxershorts die ca. sechzig Quadratmeter Bodenfläche unseres Pools mit einem Hochdruckreiniger bearbeitete. Ich war so dumm noch am Geburtstagstag an die Nichtexistenz einer Geburtstagsfeier zu glauben, hatte mich aber dazu verleiten lassen, ein paar Bekannte aus der Schule einzuladen.

 

Wir standen gerade im knöcheltiefen, unaufhörlich abfließenden Poolwasser, als die von meiner Gastmutter geladenen Gäste eintrafen. Es wurde eine riesige Box mit Karaoke-Anlage gebracht, unsere Salsa-Gruppe kam, wir tanzten, sangen, spielten Billard, setzten eine aufblasbare Riesen-Wasserrutsche aufs Wasser, sonnten uns im Garten und tranken alkoholfreie Cocktails zu mexikanischen Spezialitäten. Geburtstagstortenstücke und alte, manchmal skandalöse Geschichten machten die Runde, ich wurde besungen, beschenkt und mein Gesicht wurde auch in die Torte getunkt wie es in Costa Rica und auch in Mexiko üblich ist. Ihr seht: es war einfach perfekt!


Wenig später hörte ich von einem wöchentlich stattfindenden Theaterkurs und spielte seit dieser glücklichen Entdeckung mit allergrößtem Spaß in der Theatergruppe mit. Ich musste leider kurz vor der Aufführung abreisen, bekam aber die Möglichkeit mein Spanisch aktiv zu verbessern, mich in einer neuen Gruppe zu behaupten, auszudrücken und Freunde zu finden, das Theaterspielen neu für mich auszuprobieren und mir im Nachhinein zu wünschen, ich hätte mein Jahr mit genau dieser Idee begonnen. Lieber Austauschschüler, liebe Austauschülerin je mutiger du sein willst und wirst, desto besser wird dein Auslandsjahr! ("Sei mutig, sei wie Ira!") Nur ein Scherz, ja ja ja… (das ist ein seltsamer -aber wichtiger- spanischer Ausdruck und bedeutet: "ha ha ha")

 

Granada und der Nicaragua-See

 

Ich möchte euch noch unbedingt kurz von meinem letzten CAS-Ausflug erzählen!
Dabei handelt es sich um die längste und sich am meisten von den anderen unterscheidende Reise. (Sie ist außerdem "Top Secret" und nicht auf der CAS Website zu finden). Sechs Stunden Busfahrt Richtung Norden und dann waren wir an der Grenze zu Nicaragua. Das war für mich das erste Mal, dass ich eine Grenzkontrolle passierte und es war ein ermüdendes sich-treiben-lassen.

 

Wir wurden doppelt und dreifach kontrolliert, auf der Einreise nach Nicaragua sahen wir erst die mit Maschinengewehren ausgestatte Drogenpolizei und später, auf der Abreise, verhielten wir uns genau nach den Anweisungen des Busfahrers, verließen den Bus, damit dieser durchsucht werden konnte, und warteten etwa zwei Stunden in der brütenden Hitze - ohne uns zu rühren.

 

Das war anstrengend, aber für mich war es vor allem eine spannende, neuartige Erfahrung. Dass die Mühe sich gelohnt hatte, wurde uns spätestes klar, als wir in die nicaraguanische Kolonialstadt Granada hereinfuhren: Kopfsteinpflaster, Kirchen, Kutschen, Kontorhäuser, ein alter Bahnhof, weitläufige Plätze, eine alte Festungsanlage, moderne und historische Handelsstätten, Kunst- und Kunsthandwerksgalerien, Kolonialpaläste hinter weitschwingenden, flügelförmigen Toren, Heldenstatuen, Restaurants, Bars, Musik und Cafés. Wir waren ein glückliches Grüppchen junger Menschen unter einem Haufen anderer, ähnlich junger und ebenso glücklicher Leute die hier waren um sich Granada anzuschauen. Und das taten wir dann auch!


Erst von oben: in der Abenddämmerung auf dem Turm der Merced-Kirche stehend, leuchteten die gelblichen Fassaden von Granada unter den letzten Strahlen der Sonne auf, mit der hereinbrechenden Kühle der Nacht füllten sich die Gassen und Restaurants, Musik spielte auf den Plätzen, über die Menschen in weiten Kleidern und bunten Hosen liefen.

 

Da Nicaragua zwar das zweitärmste Land Lateinamerikas ist, die Stadt Granada auf Tourismusebene jedoch europäische Standards erreicht, wirkte sie auf mich in manchen Augenblicken wie eine käufliche Theaterbühne. Oben auf dem Turm lag die Stadt uns zu Füßen und der Vulkan Mombacho nicht weit in dem Nicaragua-See, dessen Ufer wir am darauffolgenden Tag mit geliehenen Fahrrädern abfuhren. Zurück in unserem romantischen Backpacker Hostel ließen wir unsere Körper im Pool abklingen und in den zahlreichen, zwischen die Säulen gespannten Hängematten ausschaukeln.

 

Am nächsten Morgen fuhren zahlreiche Kutschen vor, um uns auch die entlegensten Ecken der Stadt nahezubringen. Wir quartierten uns hinter dem gesprächigsten Kutschführer ein und lauschten dem unaufhörlich aus ihm herausbrechenden Schwall an spanischen Worten zur Geschichte und Gegenwart Granadas. Noch neugieriger als zuvor beanspruchten wir den Rest des Tages für weitere Erkundungstouren, nun auf eigene Faust. Wohin wir kamen, dort blieben wir lange: in einer Kunstgalerie wollte der begeisterte Gallerist sein gesamtes Wissen mit uns teilen, sobald er glücklich unser Interesse entdeckt hatte.

 

Ausflug Schüleraustausch Nicaragua-See

 

Als wir später dem Angebot zu vermietender Räder folgten, wussten wir noch viel weniger, auf was wir uns da eingelassen hatten…: Für eine lächerliche Summe mieteten wir zwei Stunden lang drei Fahrräder und fuhren damit bis zum Ufer des Nicaragua-Sees, des größten Binnensees Mittelamerikas, und über eine von Mangobäumen gesäumte Promenade zurück in die Stadt.

 

Mit der Abgabe der Räder, erfolgte unsere darin inbegriffene City-Tour. Kaum hatten wir die traditionellen Kleider übergestülpt und uns in diesem Aufzug reichlich dokumentiert, erlebten wir eine bühnenshow-gleiche Performance der Geschichte Granadas. Unsere ebenso festlich gekleidete Tourenleiterin führte uns durch die Sehenswürdigkeiten und Darbietungen Granadas, ließ nicht eine Frage unbeantwortet und kein Bauwerk, seine Geschichte und Bedeutung fürs große Ganze, im Dunkeln stehen. Sie endete spät in der Nacht mit einem Lied und unter unserem nicht endenden Applaus.

 

Granada Schüleraustausch CAS


Mit einem genussvollen Frühstück im Schokoladenmuseum begann der darauffolgende Tag, an dem wir eigentlich vorgehabt hatten, den Mombacho Volcano zu besuchen, dessen Kraterwände nun jedoch gefährlich bebten und den Vulkan-Tourismus so kurzzeitig abebben ließen. Stattdessen besuchten wir ein paar entlegene Kunsthandwerksstätten und drehten sogar selbst an der Töpferscheibe. Nach weiteren kulinarischen Touren unsererseits gingen wir abends Pizza essen und schlossen mit Eis. Bevor wir aufbrachen, machten wir uns am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang zu einem Bad in dem See, der wie ein Meer aussah, auf. Danach genossen wir einen Cappuccino und später unseren Bohnen-Reis-und-Ei-Frühstücksliebling und dann waren wir auch schon fast wieder in Costa Rica.

 

Mein Traum: Der Playa Conchal


In diesen letzten Monaten verbrachte ich mehr Zeit mit meinen Freundinnen und es entwickelte sich zwischen uns, wie ich es schon in der Familie erlebte, eine fast selbstverständliche Vertrautheit. Zweimal sollte ich noch mit Sand zwischen den Zehen nach Hause kommen. Immer und immer wieder hatte ich in meinem Reiseführer von der Playa Conchal, dem Muschelstrand (concha= Muschel) gelesen. Es war mein heimlicher Wunsch gewesen, diesen irgendwann einmal zu besuchen, behielt das aber für mich, weil ich wusste, dass dieser Strand für meine Gastfamilie schlichtweg zu weit entfernt war.

 

Playa Conchal Austauschjahr CAS

 

Austausch Costa Rica CAS Austausch

 

Im Haus meines Großvaters, am Strand von Guanacaste, fragte mich dieser dann plötzlich, ob ich nicht Lust hätte, heute kurz an eben diesen Strand zu fahren. Ich konnte mein Glück kaum fassen, waren es doch meine letzten Tage im Land und jener Strandausflug für mich zu einem Wunschtraum geworden. Die Strände der Playa Conchal sind unendliche Schichten von Muscheln und Muschelscherben, wie tief sie gehen und was darunter liegt, weiß ich nicht. Insgesamt fuhren wir über sieben Stunden Auto, durch Dörfer und auf Berg- oder Küstenstraßen.
Ich war mit Freunden der Familie unterwegs und deren Tochter fuhr mit mir auf der Ladefläche des Geländewagens, weil so die Meer-Luft und die feuerroten Blüten, die die meisten Bäume zu dieser Jahreszeit abwarfen, im Wind um uns herum fliegen konnten.



Nach einem langen Wochenende, an dem wir Muscheln und verrückte Früchte verköstigten, nahmen wir es auf die gleiche Art und Weise mit dem Rückweg auf: Genussvoll und langsam bahnten wir uns unseren Weg an der Wasserkante entlang. Es war in den letzten Wochen ungewöhnlich viel Regen gefallen und - wie in so vielen Regionen im Land - war auch ein Teil unserer Straße überflutet. Wir fuhren hindurch. Es wurde recht knapp, aber unser Auto hatte eine gerade so ausreichende Höhe. Danach erholten wir uns mit Hilfe von viel köstlichem Fisch in Zitronensaft und der langen Fahrtzeit von dem Schrecken.

 

Freiwilligenarbeit am Golf von Nicoya

 

Die nächste Rettungsaktion war für das darauffolgende Wochenende geplant: Freiwilligenarbeit an einer Schildkrötenschutzstation auf der Halbinsel im Golf von Nicoya. Eine Gegend voller Mangobäume, in der der Wind und die Felsen rauer und das Meer weiter wirken. In Nicoya werden die meisten Einwohner älter als neunzig Jahre alt, damit ist die Halbinsel eine von fünf sogenannten "Blue Zones", den Orten mit der weltweit höchsten Lebenserwartung. Unsere Schildkrötenschutzstation liegt einen etwa zwanzigminütigen Fußmarsch am Sandstrand entfernt, unter Mangobäumen und mitten im Revier der Affen.

 

Die Natur ist die einzige waltende Macht und damit das auch so bleibt, stellten wir uns in ihren Dienst. Dort, wo wir Menschen zerstörerisch in ihr Lebensreich eingedrungen waren, versuchten wir unsere Fehler zu bereinigen. Es war so viel Müll am Strand. Er schwamm in den Wellen und tarnte sich unter dem Treibholz, das schon tief versteckt im Regenwald lag. An einem Tag füllten wir dreiundzwanzig Säcke (obwohl wir mit Mangos weitaus mehr hätten füllen können…). Bei der Hitze und der harten körperlichen Arbeit waren sie ein köstlicher Zwischendurch- Nachtisch.

 

Freiwilligenarbeit Südamerika Schildkrötenprojekt

 

Unsere Hauptarbeit war der Bau einer optimalen Schildkrötenbrutstätte. Wir hatten die Aufgabe, eine Grube im Sand zu graben und diesen auszusieben. In diese paradiesischen Gegebenheiten konnten in Gefahr schwebende Schildkrötennester später umgesiedelt werden. Ein sympathisches Team von Biologinnen war der Kopf des Projekts, sie erzählten uns viel Spannendes zu unserer Arbeit. Nachts bewarfen sich die verfeindeten Affenkolonien bestimmt mit Mangos, auf unsere Schlafstätte im Dach des wackeligen Holzhauses zielten sie jedenfalls oft genug. Kolibris flatterten, Affen brüllten und wir warfen uns immer wieder in die warmen Wellen des Golfes von Nicoya, der im Pazifik liegt.

 

Freiwilligenarbeit Costa Rica Austauschjahr Costa Rica


Die allerletzten Wochen waren erst durch die Sehnsucht nach Zuhause und später durch den Wunsch in Costa Rica zu bleiben gekennzeichnet. Die Verabschiedung war der natürliche Lauf der Dinge, es wurde nicht leicht aber doch noch ein bisschen festlich. Meine Klasse hat mich mit einer Abschiedsparty überrascht und meine Familie genoss mit mir ein letztes Wochenende, an dem wir noch einmal alles aßen was möglich war, einen Ausflug machten und mir schließlich genügend Zeit blieb, mich von allen Freunden und Bekannten zu verabschieden. Dabei wurde mir plötzlich bewusst, wie gern sie mich wirklich alle hatten und dass es möglich ist, dass ich ihnen vielleicht ebenso wichtig bin wie sie mir.

 

Und zum Schluss kommt noch diese kurze, persönliche Reflexion als ein kleines Extra im Sinne "Pura Vida":

 

Mein Jahr in Costa Rica ist zu Ende und Deutschland und ich sind wieder vereint. Ich bin also wieder zu Hause… und gleichzeitig um eben jenes eine Jahr in Costa Rica älter. Das sind Tatsachen und das macht es für mich leichter. Denn daneben existieren vor allem eine Menge Fragen: Was ist und war Costa Rica für mich, was Deutschland und wo ordne ich mich da ein? Wieso sind meine eigene und meine costa-ricanische Familie so grundverschieden und wer macht's besser? Wäre es besser oder schlechter meiner Familie Costa Rica zu zeigen? Und was gibt es meinerseits für Zukunftsvorstellungen?

 

Momentan möchte ich mich da noch nicht so festlegen, ich würde gerne flexibel bleiben und mich mein Leben lang neu gestalten. Dass diese Idee sinnvoll ist, das habe ich am eigenen Leib zu spüren bekommen. Zum ersten Mal allerdings. Es ist etwas anderes sich dergleichen bloß zu erdenken und es zu erleben. Demnach glaube ich, dass Veränderungen sich nur dann vollziehen, wenn sie notwendig sind. Hier in Deutschland bin ich entweder selten in einem Engpass oder es ist mir nicht bewusst. Die Umstände erfordern es nicht, dass ich mich ändere. Nichts bedroht mein kleines, friedliches Leben, nichts will, dass ich mich für oder gegen und für ein anderes entscheide. Wir Deutschen, oder die allermeisten von uns, fühlen den moralischen Wunsch, sich und seine Umgebung ständig zum Besseren zu verändern, obwohl die Notwendigkeit dazu für kaum einen von uns besteht.

 

Und Verbesserung meint Vereinfachung der Lebensumstände, so ist es überall zu beobachten und alles andere wäre wider unsere Natur. Aber wir müssen doch erkennen dass wir uns da in einen Teufelskreis hineinbegeben: Mit viel Mühe machen wir es uns so richtig bequem, arrangieren alles um uns herum bis zur Perfektion (machen die Steuererklärung und die Wäsche, haben alle unsere Sachen seit Anbeginn der Zeit versichert und soeben noch schnell eine Petition gegen TTIP unterzeichnet) und …schwups quält uns der Wunsch uns zum Besseren zu verändern. Dieser Horrortrip kann dir zum Beispiel, das ist sehr wahrscheinlich, auf der Couch sitzend passieren… oder eigentlich immer dann, wenn du dich "einfach mal entspannen" willst, in diesen Momenten musst du besonders auf der Hut sein, aber vermeidbar ist es wahrscheinlich nicht, denn manche Menschen müssen morgens bloß aufwachen und schon ist es um sie geschehen. Allmorgendlich steht dein Verbesserungs-Ich anklagend vor deinem Bett und es erinnert dich daran, dass du jetzt ein besserer Mensch sein willst als noch vor dem Einschlafen.


Die ständige Freiheit der Möglichkeit dein befriedigtes, zufriedenes Ich entweder: unzufrieden zu machen damit es progressiv ist, oder es einfach zufrieden aber fehlerhaft zu lassen, belastet und ängstigt dich. Du hast die "German Angst" und weißt keinen Ausweg. Ich war immer schon gut in den Dingen die ich zu tun genoss, und überdurchschnittlich schlecht darin mich zu lästiger Arbeit zu bewegen, freiwillig die Arbeit der Verbesserung zu tun. Vielleicht war mein Wille dazu nicht stark genug, jedenfalls häuften sich so meine Vorsätze und Schuldgefühle.

 

Ich bin in Costa Rica kein besserer Mensch geworden, ich konnte all meine Vorsätze auch in diesem besonderen Jahr nicht erfüllen. Ich bin ebenso fehlerhaft wie zuvor aber ich mache es mir nicht mehr zum Vorwurf. Ich bin in Frieden mit mir, ich bin nicht progressiv, energetisch, "gewinnbringend" aus diesem Jahr hervorgegangen, aber zufriedener, gelassener. Ich fühle mich befreit von Ansprüchen, Erwartungen und Wünschen, flexibler und humorvoller. Mein Scheitern bringt mich zum Lachen, Veränderungen sind ein Heidenspaß! Ich habe richtig Lust auf Schwierigkeiten!

Und auf Länder und auf Unterschiede. Ich finde ich sollte jetzt sofort die ganze Welt bereisen und alles kennenlernen. Aber ich bin vernünftig, mäßige mich und stimme lieber dem Satz eines südamerikanischen Freundes meiner Eltern zu: "Die Richtung ist wichtig".