Samstag, 24. Juni 2017
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Schüleraustausch Costa Rica -
Meine zweite Heimat

 

Zweiter Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Ira Lily W.


Stipendium gestiftet durch:
CAS - Costa Rica Austauschservice



Schüleraustausch Costa Rica



 

 

Es gibt wieder so viel was ich Euch und Ihnen zu erzählen habe und deshalb folgt hier nun mein zweiter Bericht! Viel Spaß!


Drei Reisen prägten die letzten Monate besonders intensiv: zum einen der Kurzurlaub mit einer Freundin aus der Schule, meine Freiwilligenarbeit im Bergdorf Durika und natürlich der Familienurlaub in Mexiko. Von diesen spannenden Erlebnissen möchte ich gerne ausführlich berichten.


Mitte November lud mich eine Freundin ein, vier Tage Ferien mit ihr zu verbringen. Schon zuvor war ich ein paar Mal bei ihr zuhause gewesen und kannte bereits ihre Familie. Ihr Haus steht direkt unterhalb des Vulkans Turrialba und man hat einen wundervollen Ausblick auf das gesamte Tal. Über unzählige Pfade lässt sich die Anhöhe erkunden, sie führen irgendwann zu dem von der Familie geführten Hotel. Für dieses und das eigene Zuhause werden täglich köstliche Nachtische fabriziert, Brot gebacken, Marmeladen eingekocht und Pesto hergestellt. Bevor wir für drei Tage an den Strand fuhren, habe ich diese besonderen Bedingungen noch intensiv genossen: Verbrachte meine Zeit damit von meiner Freundin das Brotbacken zu erlernen, in Acryl zu malen und dabei schräge Musik zu hören.


Auf der Hinfahrt, ein paar Stunden vor unserer Ankunft im Hotel, mussten wir einen breiten Fluss überqueren. Als wir dort ankamen entschieden wir zu Fuß über die Brücke zu laufen, denn so könne man die Krokodile sichten, die sich angeblich vielzählig in dem Gewässer tummelten.


Auf der Hinfahrt, ein paar Stunden vor unserer Ankunft im Hotel, mussten wir einen breiten Fluss überqueren. Als wir dort ankamen entschieden wir zu Fuß über die Brücke zu laufen, denn so könne man die Krokodile sichten, die sich angeblich vielzählig in dem Gewässer tummelten. Nie zuvor hatte ich ein beeindruckenderes Tier gesehen.... An diesem Tag hatten wir das Glück gut zwei Dutzend Krokodile dabei zu beobachten wie sie ihre massigen Hälse aus dem Río Tárcoles stießen und ihre urzeitliche Kraft in Zweikämpfen zur Schau stellten oder bewegungslos mit aufgesperrtem Maul an seinen Ufern lagen. Es war ein außerordentliches Erlebnis dass mir immer in Erinnerung bleiben wird!


Am darauffolgenden Tag brachen wir auf, um einen besonderen Strand zu erkunden, an dessen Spitze eine Sandbank in Form einer Walflosse aufs Meer hinausragt. Die Wale selbst passieren zu bestimmten Zeiten im Jahr diesen Ort und sind dann vor dieser Küste, die natürlich den Namen Costa Ballena trägt, mit ein bisschen Glück zu sichten. Der Strand ist Teil des gleichnamigen Nationalparks und als wir durch die Mangroven auf diesen zuliefen, warnten uns alle zwei Meter Schilder vor Alligatoren in den Flüssen die neben uns ins Meer flossen- und mir kamen böse Erinnerungen.


Zu unserer Linken ragten nass die bewaldeten Berge auf, hinter uns wuchsen dicht die verschlungenen Mangroven bis auf den Strand hinaus, der verlassen und von Flussläufen durchzogen sich bis zur Sandbank am rechten Horizont erstreckte. Weit und breit war kaum ein Mensch zu sehen. In den Bergen stieg feuchter Nebel auf, aber die Luft an der Küste war klar und es wehte eine Meeresbrise. Und es war ungewöhnlich still. Barfuss liefen wir staunend los und genossen den Platz um uns zu drehen und Quatsch zu machen. Auf dem Weg durchwarteten wir einige Flüsse, dessen Wasser uns bis zur Hüfte reichte und ich dachte schon wieder an Krokodile. Bald sprachen wir kaum noch und spürten der Stille nach. An der Küste angekommen versteckten wir unsere Wertsachen in den hohlen Baumstümpfen unter den krummen Palmen an den Ausläufern der Wälder. Am Strand verwandelte ich mich noch in eine sandige Meerjungfrau und wir schwammen ein bisschen. Plötzlich deutete die Mutter meiner Freundin aufgeregt auf etwas weit draußen im Meer. Dann erkannte auch ich dort die Fontänen einiger Wale. Ich suchte das Meer mit den Augen ab, bis wir im warmen Regen aufbrachen und geradewegs aufs Meer hinausliefen.


Dort wo die Wellen auf die Sandbank trafen, schlugen sie gegeneinander. In diesem Zentrum der Kräfte liefen wir unseren Weg der aus nichts weiter als ein bisschen angehäuftem Sand bestand; die Wellen schlugen über uns zusammen, klatschten gegen unsere Körper während wir uns unseren Weg mitten durch das Meer bahnten. Ich fühlte mich wie Moses der das Meer teilt und auch wenn dieser plötzliche, biblische Bezug mich irritierte, fand ich ihn später überraschend im offiziellen Namen dieser Sandbank wieder: sie nennt sich tatsächlich Moses' Pass.


Ich schmeckte salzig und war eins mit den Wellen und dem Wind und all den Schalentieren und Algen und auch mit den Delfinen zu unserer Rechten die aussahen wie übereilige, rundliche Wellen. Konzentriert versuchte ich ihre grauen Körper ausfindig zu machen die leicht verschwanden, in dem Gemisch aus Meer und einfallendem Regen. Unter meinen Schuhsohlen zerbrachen die Muschelschalen als die Sandbank als kurze, schwarz-felsige Insel aus dem Meer auftauchte. Dort verblieben wir einen Augenblick in dem ich ein bisschen überfordert wahllos ein paar der außergewöhnlich schönen Muscheln einsammelte. Dann beobachtete ich die Gischt und die Schatten der Delfine darunter.


Viel zu schnell verließen wir die Insel wieder und blickten auf unserem Weg auf die Küste und den von Tropenwäldern gesäumten Strand. Aus den Wipfeln einer Baumgruppe stiegen auf einmal zwei Aras auf, ich sah ihre mit roter Farbe lockenden Flügel, bevor sie wieder in das dichte Blätterdach eintauchten. Ein paar Mal warfen sie sich in die Höhe, drehten ihre Flügel, wie die Fächer mexikanischer Tänzerinnen, flatterten diese uns kokettierend zu, wendeten ab und tauchten wieder ein, bevor sie von neuem weit kreisend zum Tanz riefen.


Der Anblick verzauberte mich und es kam mir sehr unwirklich vor. Ich glaubte sicher dass sich die ganze Welt in diesem Punkt, in dieser engen Schneise zusammenfand, hier mit den sich brechenden Wellen in einem Punkt kollidierte. Und es braucht nicht erwähnt zu werden: das war dort, wo ich entlanglief…;)


Demnach ist es nicht überraschend dass ich mich schlicht göttlich fühlte, wie ein aus dem Meer steigender Poseidon setzte ich, nicht ohne wehmütig zurückzublicken, meinen Fuß auf den Sand. Nun blieb nichts unberührt von der göttlichen Kraft die gerade dem Meer entstiegen war. Berührt und erstaunt lief ich mit offenen Augen und möglichst objektivem Blick den Strand entlang. Dort begegneten wir auf halbem Weg einem Mädchen von vielleicht fünfzehn Jahren die sich singend im dunkel gefärbten Sand wälzte, völlig in ihren Bewegungen versunken. " Wie von Dämonen besessen-… oder von Göttern…", dachte ich.


Aber auch meiner Freundin erging es so und wir schauten uns befremdet an. Das Meer spülte ruhig und silbern unaufhörlich die fernen Länder an und die Flüsse spülten Costa Ricas Innerstes nach außen, ins Meer. Der Nebel stieg aus den Bergen auf, drei Nebelsäulen: meine Freundin, ihre Eltern und ich, wie drei weiße, luftige Engel verbanden wir uns mit dem wilden Himmel.

 

 

Schüleraustausch Costa Rica

 

Mein zweites außergewöhnliches Erlebnis war mein vierzehntätiger CAS-Freiwilligendienst in dem Bergdorf Durika, das auf 1650 Metern im Talamanca-Gebirge liegt. Den knapp zwanzig Kilometer langen Weg bewältigten wir in dem robusten Taxi der Dorfgemeinschaft: etwa zwei Stunden schlitterte es die gänzlich unbefahrbare Straße hinauf, durchquerte einen Fluss und setzte mich schließlich in jenem, über den Wolken gelegenen Dorf, ab. Auf der Hinfahrt habe ich auf die Täler und Gebirgsausläufer hinabgeschaut die Teil der zwei Reservate der indigenen Völker Cabécar und Bribri formen: weit über das Tal gebreitete, wilde Flussströmungen, Gebirgskämme die so scharfkantig anmuteten, dass sich das Licht an ihnen brach und dann gesprenkelt in den tiefen, weich wogenden Gräserteppich fiel, in die Erde einsickerte. Im Auto roch es nach Wildblumen und in meiner Begleitung befand sich ein älterer Mann der sich mir als Profe vorstellte. Ich fragte nach und er sagte er unterrichte unter anderem Mathematik- und sei vor allem der Direktor der Schule in dem Dorf Durika. Es gab also Kinder in Durika, ich fragte wie alt sie seien und er sagte: "Neun und Elf". Es waren die einzigen.

 

Für viele Jahre war Durika nur zu Fuß oder Pferd erreichbar gewesen, so wie es die Reservatsbewohner immer noch halten, wenn sie unter anderem Früchte verkaufen, im Tausch gegen Dinge die bei ihnen nicht wachsen, weil das Klima ein anderes ist. Manchmal kommen sie in größeren Gruppen nach Durika um einen Kurs zu besuchen, dann wird gebacken, Seife hergestellt oder sie erfahren etwas über die Bewirtschaftung des Bodens.


Solche Kurse, aber auch Feste, Tänze, Theatervorstellungen und kleine Geschenke organisiert die Gemeinschaft regelmäßig für die beiden Reservate. Touristen und Freiwillige hingegen lernen etwas über deren uralten und einzigen Kulturen, schließlich sollen sie bewahrt und der Lebensstandard der Bewohner der Reservate verbessert werden.

 

Costa Rica Ausflug

 

Ich unternahm zuallererst eine Führung durch das Dorf, welches aus etwa zwölf spartanischen Wohnhütten, dem Restaurant und einem Gemeinschaftshaus, in welchem ein Massage- und Behandlungszimmer, ein Versammlungsraum, eine Sauna und ein Fitnessstudio untergebracht sind. Meine Hütte stand in der Nähe des Gemüsegartens, der vor vielen Jahren in Terrassen angelegt worden war. Die Beete werden regelmäßig aufgeschichtet, gepflegt, von neuem angelegt. Ohne intensive Pflege wächst dort nichts, der Boden führt kaum Nährstoffe. Die ersten Arbeiten die von der Gemeinschaft verrichtet wurden, waren Aufforstungsprogramme. Das nun so dicht bewaldete Dorf war in seinen Anfängen, um 1990, ein ausgelaugter, von Erosionen heimgesuchter Hang gewesen. Insgesamt wurden seitdem über 1.500.000 Bäume gepflanzt und heute umfasst das geschützte Gebiet etwa 8500 Hektar artenreichen Regenwald. Bedrohte Spezies wie Jaguare, Tapire, Harpyien und der Quetzal sind hier wieder zahlreich anzutreffen. Auch Pumas gäbe es, einer habe vor einiger Zeit eine Ziege gerissen, so erzählte mir Eduardo welcher mit mir die Führung machte.

 

Freiwilligenarbeit Costa Rica

 

Am Morgen hatte ich schon eine Art Haferbrei mit Rosinen und Ziegenmilch gegessen. Das war glaube ich das leckerste, was ich je in meinem Leben gegessen habe ;).und paar Tage später bat ich dann nach dem Melken darum, die noch warme Milch probieren zu dürfen. Sie schmeckte köstlich und von da an begann mein Heißhunger auf Ziegenmilch und folglich meine Liebe zu der Arbeit mit ihnen….;).

 

Wanderung Costa Rica

 

Zwei, in jeder Hinsicht, gesündere Wochen habe ich noch nie verbracht. Körper, Seele und Geist wurden hier sorgsam gepflegt, ich liebte es ebenso um fünf Uhr aufzustehen wie kalt zu duschen. Zu dieser Tageszeit war es noch sehr kühl und klar aber die Sonne ging auf und ich genoss ihre Strahlen und das goldene Licht im Tal. Wen ich duschte, fühlte ich mich so lebendig; ich benutzte die in Durika hergestellte Seife in Schmetterlingsform, die man mir auf das große, weiße, kuschelige Saunahandtuch gelegt hatte. Ich freundete mich mit den anderen Freiwilligen an: zwei von ihnen reisten mit dem CAS- Freiwilligenprogramm, zum Ende hin traf ich auf Sira aus meiner Austauschgruppe, außerdem waren dort noch eine Alleinreisende, zwei Jungen aus Costa Rica, die ein mehrwöchiges Schulpraktikum absolvierten und zwei junge Männer und eine Frau aus dem Reservat die Mitglieder der Gemeinschaft werden wollten und schon längere Zeit in Durika lebten. Mit ihnen führte ich alle Arbeiten aus die Durika bestehen lassen.

 

Costa Rica Ziegen

 

Die Gründergemeinschaft war vor knapp vierzig Jahren zu Fuß und Pferd nach Durika gezogen, mit vielleicht 300 Säcken im Gepäck, denn für eineinhalb Jahre wollte keiner von ihnen das Dorf verlassen. Ohne besondere Kenntnisse machten sich diese Leute mit großer Wahrscheinlichkeit zum ersten Mal in ihrem Leben daran Bäume zu fällen und kilometerweit zu tragen um irgendwann alle zusammen in der ersten Hütte Durikas zu schlafen, zu kochen, zu leben. Am schwierigsten, so erzählten sie, sei nicht die körperliche Überforderung, sondern das Zusammenleben unter diesen besonderen, intensivierten Bedingungen gewesen.


Ihr Lebenskonzept geht nun, nach jahrelanger Arbeit vollends auf. Lebten sie gut fünfzehn Jahre ohne Strom, betreiben sie jetzt eine kleine Turbine, die kilometerlangen Rohre haben sie selbst verlegt. Sie verstehen sich auf Naturmedizin, Yoga und Meditation, sind geschickte Landwirte, beschäftigen sich mit Philosophie und Psychologie, betreiben und vermarkten Durikas Bäckerei, Hotel und Restaurant, haben sogar Facebook ;)!, studierten Ernährung und die Haltung ihrer Ziegen und Hühner, unterrichten und stellen auch feine Seifen, Parfüme und Öle her. Keiner von ihnen ist faul und war es niemals in vierzig Jahren.

 

Mammutbaum Costa Rica


Ich lernte diese besonderen Menschen und mich selbst in diesen zwei Wochen intensiv kennen, während der Arbeit, in der Freizeit, auf unzähligen Wanderungen die Eduardo mit mir und den anderen unternahm, bei Bädern im eiskalten Bergsee und dem Erklettern der Mammutbäume. Diese Wanderungen waren Teil der verbreiteten Verschrobenheit in Durika, sie begannen an einem beliebigen, immer steilen Abhang und mit einer Machete in der Hand und führten meistens ins Nichts, manchmal an Wasserfälle und immer in den wilden Wald. Niemals, das war Hauptsache, gab es einen Weg oder eine vorgegebene Richtung. Also rutschte, schlitterte, kraxelte, taumelte ich genussvoll und riss an allem was mir an Wurzeln, Baumstämmen und Lianen vor die Augen kam. Oftmals rüsteten sich diese mit zehn Zentimeter langen Stacheln oder es bestand die Gefahr eine Schlange statt einem Ast zu erwischen. Aufpassen mussten wir eben, denn ein Gegengift oder überhaupt eine Ausrüstung nahmen wir nie mit auf unsere zahlreichen Ausflüge. Ich benutzte meinen Körper mit allen Kräften und Mitteln die er mir bot, in allen mir möglichen Disziplinen. Manchmal tauschte Eduardo meine Arbeitszeit gegen eine Wanderung ein, er hatte selbst einen unermesslichen Spaß dabei. Wie ein Kind freute er sich an ihnen und am meisten über unsere Begleitung. Oft fand ich ihn auf Kiefern hockend, im See schwimmend, Klimmzüge an Ästen machend, Zitronen essend. Dann fragte er immer ob ich nicht Lust auf eine Wanderung hätte und ich sagte ausnahmslos zu.

 

Landschaft Costa Rica

 

Dazwischen blieb mir viel Zeit in der ich Orte aufsuchte, die ich besonders mochte. Manchmal öffnete ich die Tür des Seifenlabors und passierte danach den schönsten Ausblick Durikas, beobachtete wie der Nebel in den Bergen aufzog.

 

Auf dieser Terrasse schenkte mir eine junge Frau ein paar Yogastunden, ein anderes Mal lehrte uns Profe eine unglaubliche, mächtige Meditation die einen den eigenen Körper nicht mehr spüren ließ und ab und zu las ich in einem Buch das sich "cultivating inner peace" nannte, entschlossen meine Zeit in Durika auf diese Art und Weise zu nutzen.

 

Costa Rica Sonnenuntergang

 

Als ich wirklich Ruhe gefunden hatte, erlebte ich die Berge und ihre Größe stärker. Ich setzte mich dort ins Gras, wo ich den Blick am weitesten schweifen lassen konnte, über die Bergfalten in denen sich die Wolken sammelten. Ein Mal tanzte ich dort, sang und schrie mir die Seele aus dem Leib. Ein Regenbogen blähte sich vor mir auf, inmitten zweier Berge die ihn mir fest- und hinhielten damit ich seine Schönheit genoss, ich fühlte, sie würde mir geschenkt.


Am Abend im Restaurant, in einem Korbstuhl zu klassischer Musik schaukelnd, beobachte ich wie sie versank. Ebenfalls genüsslich verspeisten wir darauf das, von vielen Tassen hauseigenem Kaffee versüßte, Abendessen. Einen anderen Abend saßen wir Freiwillige in Decken gewickelt im Dunkel der Nacht und blickten auf die Berge uns gegenüber, als wir dort, weit entfernt, zwei sich auf uns zu bewegende Lichter entdeckten. Sie pendelten hin und her, mitten durch den Wald, dort wo keine Straße verlief und wir rätselten, bis zu ihrer Ankunft ungefähr eine Dreiviertelstunde später. Im Licht der Laternen erkannten wir die Gesichter der beiden jungen Männer aus dem Reservat die jetzt in schnellem Trab den Wald verließen. Ohne auf unsere erschrockenen, vor Bewunderung angespannten Mienen einzugehen, liefen sie etwas übertrieben federnd, kraftvoll und stolz wie immer an uns vorbei. Dass sie sich anscheinend ohne Worte verständigten machte sie für uns unheimlich anziehend. Sie waren schon fast vorüber getrabt, hatten uns nur kurz gegrüßt, da grinsten sie doch, schief und ohne sich anzusehen, konnten sie doch ihre Freude an diesem gelungenen Auftritt nicht ganz verbergen.


Wir sollten sie besser kennen lernen und entdecken, dass es viel gab was uns unterschied- Dinge die sie machten, von denen sie wussten, die sie auf geheimnisvolle Weise wie kein anderer beherrschten, ja besaßen- sie jedoch im Großen und Ganzen so waren wie wir. Als ich schließlich abreiste, hatte ich mit dem Herzen Durika erkundet und in ihnen allen Freunde gefunden.

 

 

Ausflug Mexiko

 

Nur eineinhalb Wochen später reiste ich mit meiner Gastfamilie für mehr als einen Monat nach Mexiko. Die Familie meiner Gastmutter hat sich sehr bemüht, dass ich an erster Stelle sie, dann die mexikanische Küche und schließlich die mexikanische Kultur kennenlernte. Ich habe eine kompromisslose Gastfreundschaft und Offenheit erlebt: wie selbstverständlich teilten die Freunde und Mitglieder der Familie alles mit uns und mir. Die ersten Tage verbrachten wir in der vor Guadalajara liegenden Stadt Tlaquepaque in Zentral- Mexiko. Die Stadt ist aufs liebevollste hergerichtet und ein Ort an dem die traditionelle, mexikanische Handwerkskunst geliebt und in großen Mengen ausgeübt und gehandelt wird. Einzigartig in ihrem Reichtum an Farben, Techniken und Stilen war es mir ein sinnliches Vergnügen auf so kleinem Raum so viel Kunst zu sehen.

 

In Tlaquepaque wird jeder Quadratmeter künstlerisch gestaltet und bei all der Vielfalt existiert eine beeindruckende Originalität, eine geniale Verschiedenheit an Materialien, Techniken, Formen, Größen und Objekten. Die Stadt ist vor allem durch ihren Traditionsreichtum ein großer Genuss. So sind sowohl die Motive der Kunst traditionell mexikanisch (wie Szenen aus dem Fest des Todes) wie auch die Gerichte. Denn fast gleichwertig mit der Kunst ist in Tlaquepaque die Küche. Am besten isst man "en la calle" und probiert sich durch die Spezialitäten eines jeden Standes. Das ist eine Lust, zumal die mexikanische Küche sehr geschmacksintensiv (oder vor allem scharf!;)) und fern von der Deutschen ist, so habe ich fast ausschließlich Dinge gegessen deren Geschmack mir bisher unbekannt war. Darunter natürliches, traditionell in Fässern unter Kühlung gerührtes, Avocado- Mais- Vino Tinto- Tequila- und Mochítoeis das mit einem Spachtel in Plastikbecher geschichtet wird. Eis in dieser Form heißt "Nieve" (Schnee) und hier gibt es die größte Auswahl (oft bis zu vierzig verschiedene Sorten), die Alternative dazu sind Paletas: selbstgemachtes Eis am Stiel das besonders die Kombinationskunst beherrscht: Früchte und Krokant wechseln sich mit Frischkäse und Vanillecremes ab, daneben sind sie spektakulär schön. Nicht weniger kreativ zeigen sich die Mexikaner bei dem was sie stumpf Agua nennen, jedoch eine Vielzahl von selbst gemachten Fruchtcocktails beschreibt. Selbst die ganz verrückten Dinge gefielen mir sehr: Alles wird in Chili gewälzt, sowohl Süßigkeiten als auch Chips treiben einem so die Tränen in die Augen.


Tortillas werden angehimmelt und das eigentliche, aufwendig zubereitete Gericht wird oft wie der Dipp behandelt in den man diese tunkt. Fleisch wird in einer Creme aus Schokolade und Nüssen serviert, mexikanisches Bier enthält Chili, Salz und Früchte. Und zum Abendessen trinken alle, egal welchen Alters, heiße Schokolade und essen Milchbrötchen, während zum Frühstück gerne Meeresfrüchte vertilgt werden. In diese und andere Geheimnisse der mexikanischen Küche hat mich meine "Latino-Oma" eingeweiht. Sie ist eine wunderbare Köchin und als meine Gastmutter mir verriet, dass dies ihre persönliche Art sei Zuneigung zu zeigen, schenkte ich den Mahlzeiten noch mehr Aufmerksamkeit als ohnehin schon. Etwa drei Wochen habe ich in ihrem Haus gelebt und in dieser Zeit viele Familienmomente geteilt.

 

Mexiko Reise

 

Am 24. Dezember feierten wir nicht nur auf die mexikanische Weise Weihnachten, sondern auch den fünfzehnten Geburtstag meines Gastbruders. Der fünfzehnte Geburtstag hat sowohl in Costa Rica als auch in Mexiko eine besondere Bedeutung, da sie damit in das Erwachsenalter eintreten und wird vor allem bei den Mädchen mit einer pompösen Feier gewürdigt. In Mexiko feierten wir mit dem traditionellen Walzer des Fünfzehnjährigen mit allen anwesenden Mädchen und Frauen und einer Tequila-Trommel: dem Geburtstagskind, das mit einem Handtuch um den Kopf gewickelt dasteht, wird ein Glas Tequila eingegossen während dieses unter großem Gewirbel im Kreis gedreht und geschüttelt wird. Weil das so ein großer Spaß war, beschlossen wir das bei jedem von uns durchzuführen und danach waren wir alle ein bisschen durcheinander.


Auf die Schokoladentorte mit explodierenden Kerzen folgte dann endlich die berühmte Piñata. Wir hatten zuvor vergeblich die Kleinstadt nach dem gewünschten Modell, einer Piñata in Eselsform, abgesucht und uns schließlich zweimal für die klassische Variante entschieden. Eine davon für Weihnachten und die andere für den Geburtstag meines Gastbruders, der sich riesig freute als meine Tante ihn und uns schließlich doch mit der perfekten Esels-Piñata überraschte. Den Rest des Abends tauschten wir Geschenke aus, indem wir mit der Person tanzten welcher wir ein Geschenk überreichten und dabei einige Verwirrungen hervorriefen, weil wir uns gleichzeitig die traditionellen Tänze unserer Länder beibringen wollten. Später entfachten wir noch Wunderkerzen, zündeten ein paar Böller und gingen schließlich im Morgengrauen zu Bett.


Zu zehnt fuhren wir für etwa eine Woche an den Strand, verbrachten dort viel Zeit auf engem Raum: Abends bereiteten wir ein großes Matratzenlager in der Küche aus, das zum Morgen wieder beiseite geräumt wurde. Obwohl sie sonst außergewöhnlich wenig beiseite räumten…. In dieser Familie schien jeder seinen Dickkopf zu haben, ihre starken Charaktere kamen sich oft in die Quere, wobei sie genauso gerne scherzten wie stritten. Ich finde ich hielt mich gut, aber irgendwann ging mir alles etwas zu nah, es war eben doch nicht meine eigene Familie, obwohl ich mich schon daran gewöhnt habe mich Zuhause zu fühlen. Sie nahmen mich an eine Strandpromenade mit an der alles übergroß und US-amerikanisch wirkte. Neben dem maßlosen Konsumangebot (das alle Betriebsbereiche umfasste) bot sie jene große Schönheit die von einem Ort ausgeht den die ganze Welt besucht und prägt. Ich gebe zu, dass mich die Intensität und Widersprüchlichkeit die ich in dieser Woche erlebte ein bisschen überforderte und ich war froher sobald ich mit meiner Gastmutter und meinen beiden Brüdern allein war.


Besucht haben wir auch die faszinierenden Islas Marietas, jene Inseln die einen Strand in ihrem Inneren bergen und das war natürlich ein tolles Erlebnis! Bevor wir die letzten köstlichen Tage aufs Neue in Tlaquepaque verbrachten, besuchten wir noch die zweitgrößte Stadt Mexikos, Guadalajara. Das war ein besonderes Erlebnis als ich nach etwa einem halben Jahr wieder europäisch anmutende Kolonialbauten und imposante Kirchen besuchte, mich aber der Vielseitigkeit, der Lebendigkeit und vor allem der Lautstärke nach zu urteilen nicht in Europa, sondern ganz sicher in Mexiko befinden musste.

 

Guadalajara Ausflug Guadalajara

 

Inzwischen fühle ich mich zu Hause in meiner Gastfamilie und zweiten Heimat Costa Rica. Das bedeutet für mich einfach dass ich mich entspannen kann. Für dieses wunderbare Gefühl braucht ein Austauschschüler wie ich vor allem Zeit in welcher er sich in der anfänglich fremden Umgebung einfindet. Mir wurde das fremde Costa Rica zur Heimat als ich fast alles im Alltag gesprochene Spanisch verstand, Freunde der Familie mich als ein Teil dieser wahrnahmen, wir uns aneinander gewöhnten: an Vorlieben und Abneigungen, an Eigenarten, Verrücktheiten und an die Alltagsroutine die uns verband. So entwächst unserem Zusammenleben ein gemeinsamer Rhythmus, neue Gewohnheiten entstehen sowohl für mich als auch für die Familie, wir können jetzt sogar kritisch oder begeistert auf diese reagieren. Ganz wie wir Lust haben und es für richtig halten. Wir können Risiken eingehen und Fehler machen. Nach wie vor bleibt mir ein bisschen Nervosität weil ich empfinde dass meine Situation unsicher, weil temporär, ist. Letztens habe ich deswegen zeitgleich eine meiner costa-ricanischen, sowie eine meiner deutschen Freundinnen zu Rat gezogen und bekam dieselben unterstützenden Worte zweimal zu hören, einmal auf Spanisch und einmal auf Deutsch… Wenn ich hier zu Hause bin, lassen sich demnach auch alle eventuellen Schwierigkeiten von hier aus lösen, dafür muss ich manchmal in mich hineinhorchen und andere Menschen zu Rate ziehen die mich eventuell noch gar nicht so gut kennen. Das ist zwar oft nicht einfach, verläuft dafür aber ausschließlich erfolgreich!

 

Sonnenuntergang Costa Rica

 

Ich bin glücklich über die Vielzahl der Menschen die mich mögen und versuche sowohl ihnen als auch mir selbst gerecht zu werden und schließlich die Zeit die mir noch bleibt richtig zu genießen.

 

Gastfamilie Costa Rica

 

Bevor diese langen Ferien endeten, zeigte uns mein Gastvater noch acht verschiedene Strände im Nordwesten Costa Ricas und wir verbrachten ein paar wundervolle Tage mit seiner Familie. Schlussendlich fuhr ich in die Hauptstadt San José zurück und tauschte auf dem CAS-Halbjahrestreffen meine Erfahrungen und Perspektiven mit denen der anderen Jugendlichen aus. Nach all den Reisen wieder Zuhause angekommen, ließ man mich kaum durchatmen: Am Abend tanzten wir mit Bekannten Salsa und Bachata in der Dorfdisco-;)- und den darauffolgenden Tag verbrachte ich auf dem Río Pacuare, einem der fünf besten Rafting Reviere der Welt. Der nächste CAS- Ausflug steht schon in wenigen Tagen bevor, diesmal geht es nach Manuel Antonio, dem "schönsten Strand Costa Ricas" ;-), das Reisen nimmt nie ein Ende. Und deswegen könnt ihr euch schon mal auf meinen nächsten Bericht über bereiste Orte freuen.

 

Abendstimmung Costa Rica

 

Wanderung Costa Rica