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Meine neue Heimat Texas

 

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Maylis R.
Stipendium gestiftet durch:
weltweiser



Schüleraustausch USA



 

Die erste drei Monate in Alvin


Nun ist es wirklich schon 3 Monate her, dass ich Deutschland verlassen habe und mich in das wahrscheinlich größte Abenteuer meines Lebens gestürzt habe. Es kommt mir erst wie gestern vor, dass ich meiner Familie, meinen Freunden, meinem Dorf und meinem Haus auf Wiedersehen gesagt habe und dann letztendlich auch meine Eltern am Hamburger Flughafen das letzte Mal umarmt habe.

 

Na klar, der Abschied fiel schwer aber ich war überrascht, denn es fiel mir lange nicht so schwer, wie ich gedacht hätte. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass ich weiß, dass ich das alles nach 10 Monaten wieder haben werde. Und was sind schon 10 Monate in einem, im Durschnitt, 80 Jahre langem Leben? Jede Menge! Auf jeden Fall, wenn du diese 10 Monate in einem am Anfang, fremden Land, mit einer fremden Familie und einer fremden Kultur, verbringst…

 

Nach einem 9-stündigen Flug, landete ich dann mit anderen Austauschschülern von meiner Organisation in New York. Die Stadt die niemals schläft. Mein erstes Gespräch mit einem Amerikaner hatte ich dann gleich am Kontrollschalter, da wir darüber diskutierten, ob Soccer oder Football besser ist. Ziemlich witzig, wenn man darüber nachdenkt wie oft wir gewarnt wurden, dass die Amerikanischen Kontrollen super streng sind und man sie auf keine Fall auf die leichte Schulter nehmen soll. Hier merkte ich gleich, wie offen Amerikaner sind.

 

Die drei Tage, die ich in New York zusammen mit ca. 80 anderen Austauschschülern aus der ganzen Welt verbrachte, werde ich niemals vergessen. Diese Stadt ist unglaublich und schon hier habe ich Sachen erlebt, gesehen und gemacht, die mich für mein Leben geprägt haben. Ich meine, wie oft isst man denn bitte Lunch im Central Park oder geht abends auf dem Times Square spazieren?

 

Am 13. August ging es dann endlich nach Texas! Es war ein angenehmer Flug, auf dem ich wieder nicht alleine war, da meine Freundin, mit der ich schon aus Frankfurt losgeflogen war und die drei Tage in New York verbracht hatte, auch nach Houston sollte. Die Aufregung stieg, als das Flugzeug landete, wir zu den Gepäckbändern gingen und dann endlich unsere Gastfamilien sahen. Für mich ging es dann gleich zu iHop, einem ziemlich guten Waffel und Pfannkuchen Restaurant.

 

Danach ging es dann nach Alvin, die Stadt, in der ich die nächsten 10 Monate leben werde. In den nächsten zwei Wochen lernte ich meine Gastfamilie und die Umgebung besser kennen und lebte mich langsam ein. Ich guckte aus dem 68. Stock auf Houston herunter, aß in mindestens zehn verschiedenen Restaurants, traf gefühlt die ganze Stadt und lebte wie im Paradies.

 

Und dann begann die Schule. Zugegeben, der erste Schultag war wahrscheinlich DER Vorzeigeschuletag eines Austauschschülers aber es war auch der Tag an dem ich realisierte, dass ich auch hier einen Alltag haben werde und das nicht alles so toll und super ist, wie am Anfang gedacht. Diese Phase überwand ich aber schnell und ich begann herauszufinden, wie Amerikanische Jugendliche so ticken. Und ja, sie ticken anders. Erst einmal hatte ich Schwierigkeiten sie überhaupt zu verstehen, denn welche Schule in Deutschland, unterrichtet denn bitte Amerikanischen Slang? Dann reden sie um ein vielfaches schneller als meine Gastfamilie, was mir jetzt, nach drei Monaten, manchmal immer noch zu schaffen macht.

 

Allgemein musste ich mich erstmal an viele Sachen gewöhnen, Plastikflaschen einfach in den Müll zu schmeißen, und viele Sachen lernen, wie zum Beispiel den Dresscode, aber jetzt kann ich wirklich sagen, dass ich mich hier zurecht gefunden habe und mich wohlfühle. In meinen Fächern, Fußball, Sportmedizin, Englisch, Spanisch, Physik, Geometrie und US-History, habe ich Einsen und Zweien und kann überall gut mitfolgen. Meine Lehrer sind nett und verständnisvoll und wenn ich mal Hilfe brauche, dann helfen sie gerne.

Da wir in meiner High School viele verschiedene Gebäude und nur sechs Minuten haben um von einer Klasse zu der anderen zu kommen, ist es schwer, in den Pausen Freunde zu finden oder mit ihnen zu reden. Ich habe Glück und habe tolle Klassen in denen Leute sind, mit denen ich mich schnell angefreundet habe. Ich habe Freunde in jeder Klasse und freue mich jeden Tag, sie zu treffen. Auch auf den Wegen zu der nächsten Klasse habe ich Freunde, mit denen ich zusammen gehe und so sieht der Schultag aus. Es gibt nun mal auch hier einen Alltag.

 

Nach der Schule, gehe ich entweder mit Freunden im Footballstadion laufen, auf dem Fußballfeld Fußball spielen oder ich hänge einfach nur mit ihnen rum. Ich bin jeden Tag gegen halb 5 zu Hause und wenn man bedenkt, dass ich das Haus um 6:50 Uhr verlasse, dann ist das schon ein sehr langer Tag. Zweimal die Woche habe ich dann noch Fußballtraining mit meinem Club-Team. Wir sind sehr erfolgreich und gewinnen jedes Spiel mit vielen Toren und wenigen Gegentoren. Wir sind jetzt schon sicher Erster und werden um die Distrikt-Meisterschaft spielen. Ich hoffe natürlich, dass wir auch dort gewinnen werden und dann um die Staaten- Meisterschaft spielen. Dort würden wir gegen die besten Teams aus Süd-Texas spielen und ich würde wirklich gerne diese Erfahrungen mit nach Hause nehmen.

 

Auch in der Schule spiele ich Fußball. Meine Schule bietet die verschiedensten Sportarten als Schulfächer an. Ich bin in der Fußballklasse was bedeutet, dass ich jeden Morgen in der ersten Stunde Fußballtraining habe. Im Moment laufen wir viel und machen wenig mit dem Ball, da die offizielle Saison erst Ende Dezember anfängt. Es macht mir echt Spaß und es ist gut, vor einem so langen Schultag Bewegung zu haben. Ich kann es kaum abwarten, bis die Saison endlich anfängt. Dann werden wir jeden Tag direkt nach der Schule Fußballtraining haben und zwei Mal die Woche ein Spiel gegen eine andere High School bestreiten. Letztes Jahr landete meine Schule ungeschlagen auf dem 1. Platz und das ist auch mein Ziel für diese Saison.

 

Der Grund dafür, dass die Saison erst so spät startet, ist das Wetter. Ich lebe ziemlich im Süden von Texas und das Wetter ist nicht mal annähernd vergleichbar mit Deutschland. Im August, als ich hier ankam, regnete es fast jeden Tag aber es war trotzdem unglaublich heiß. Die Luftfeuchtigkeit ist unnormal hoch und wir hatten schon bis zu 42 Grad. Der September war auch noch sehr heiß, aber jetzt im Oktober und November merkt man langsam, dass es auch hier kälter wird. Morgens ist es kühl aber spätestens gegen 11 Uhr hat es sich dann wieder aufgeheizt. Ich liebe warmes Wetter, aber alle meine Freunde hier wollen unbedingt kaltes Wetter, damit sie endlich Mützen und dicke Jacken tragen können. Tja, man will halt immer das, was man nicht hat.

 

Wo wir gerade bei Freunde sind... Ich denke, dass ich schon relativ viele Freunde habe. Da ich ja keine Gastgeschwister in meinem Alter habe, die eventuell schon andere kennen, musste ich sozusagen von null starten. Durch den Sport und das Bemühen, immer offen und positiv zu sein, was ich nach meiner Meinung ganz gut hinkriege, kenne ich schon sehr viele Leute. Es ist sogar schon so weit, dass fremde meinen Namen auf dem Gang schreien, obwohl ich nicht weiß, wer die oder derjenige ist. Es hat sich schnell rumgesprochen, dass ich aus Deutschland komme und viele sind neugierig und stellen viele Fragen. Trotzdem ist es nicht so, dass sie auf einen gewartet haben. Sie haben alle ihre Gruppen und Kreise und brauchen nicht unbedingt noch eine Freundin. Ein weiteres Problem ist, dass die jüngeren, das heißt 14-, 15-, 16-Jährige keinen Führerschein haben und die Eltern sehr viel arbeiten, was bedeutet, dass es sehr schwer ist, sich mit ihnen zu treffen. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es hier nämlich nicht. Die Älteren, 17-, 18-, 19-Jährigen, arbeiten unglaublich viel und haben neben Schule und Arbeit kaum Zeit für Freunde. Man muss versuchen eine gute Mischung zu finden und ich habe eine tolle Gastfamilie, die mich viel rumfährt und sehr viel für mich tut.

 

Insgesamt bin ich super glücklich mit meiner Gastfamilie. Na klar, es gibt Sachen die mich nerven oder einfach diese typischen Kulturunterschiede, an die man sich vielleicht niemals gewöhnen wird aber eine 100%ig perfekte Gastfamilie gibt es nun mal nicht. Trotzdem habe ich wirklich Glück gehabt, da meine Familie tolerant, ehrlich und liebevoll ist und ich mich bei ihnen wirklich wohlfühle. Ich versuche durch Hausarbeit, gemeinsame Zeit und gutes Benehmen so viel wie möglich zurück zu geben. Wir unternehmen relativ viel als Familie. Ob es ins Kino oder Essen gehen ist oder ob wir einfach nur einen Film bei uns zu Hause gucken, ich genieße die Zeit, weil ich weiß, dass sie begrenzt ist.

 

Allgemein versuche ich alles zu genießen. Ob es die vielen Besuche in Houstons Fußballstadion sind, Homecoming, die abendlichen Fahrten mit meinem Gastbruder mit lauter Musik und offenen Fenstern, das Rumhängen mit meinen Freunden oder einfach nur den Unterricht in der Schule. Ich versuche alles mitzumachen und in vollen Zügen zu genießen, weil ich weiß, dass ich das hier alles schon bald nicht mehr haben werde und ich es unglaublich doll vermissen werde! Es stimmt, dass nicht immer nur alles gut ist und man sich auch mal alleine und einsam fühlt, weil niemand einen versteht. Und es passieren auch schlechte Sachen. Ich zum Beispiel, habe mir schon meinen Zeh gebrochen und habe eine Gehirnerschütterung gehabt und hatte auch schon ein Gefühlschaos in dem mir alles zu viel wurde aber auch aus so Zeiten schafft man es heraus und ich sage immer, dass es genau diese Sachen sind, aus denen man an meisten lernt.

 

In drei Wochen geht es für mich und meine Familie in die Karibik. Wir werden Jamaika, die Cayman Islands und Cozumel in Mexico besuchen und unter anderem mit Delfinen schwimmen! Ich freue mich sehr auf diesen Urlaub aber genau so sehr auf die nächsten sieben Monate. Ich bin gespannt was die nächste Zeit bringen wird, wen ich treffe und was ich erlebe, denn ich kann wirklich sagen, dass ich hier angekommen bin. In meiner neuen Heimat, Texas!