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Ein halbes Jahr Amerika

 

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Maylis R.
Stipendium gestiftet durch:
weltweiser



Schüleraustausch USA



 

 


Jetzt bin ich wirklich schon 6 Monate hier in den USA. Ein halbes Jahr hört sich so verrückt lange an aber für mich fühlt es sich an, als ob die Zeit nur so an mir vorbei geflogen wäre. Kaum zu glauben, dass mir wirklich nur noch 4 Monate bleiben…

 

Fußballsaison mit High School Spirit


Die letzten 3 Monate seit meinem ersten Bericht waren voller großer Ereignisse. Die lang ersehnte Fußballsaison fing an und ich schoss gleich in dem ersten Testspiel 3 Tore. Weiter ging es auf ein Turnier in Brenham, Texas, wo mir das erste Mal klar wurde, wie gute Freunde ich hier gefunden habe und wie nahe wir uns nach nur 5 Monaten sind. Zu erleben, wie ein High School Team zusammen steht, sich gegenseitig unterstützt und niemals aufgibt, ist beeindruckend und das ist genau das, was den High-School Spirit ausmacht. Deshalb empfehle ich echt jedem der ein Auslandsjahr macht, eine Sportart zu machen oder einen Club nach der Schule beizutreten. Hier werdet ihr die richtig guten Freunde finden, da man zwar auch in der Klasse Freunden finden kann, man aber beschränkt ist da die Lehrer ungestört ihren Unterricht durchziehen wollen und man in einem Klassenraum ja eh sehr beschränkt ist. Deshalb kann es hart sein dort wirklich gute Freunde zu finden. Naja aber das nur so nebenbei.

 

Fußballteam High School

 

school Spirit USA

 

Auf jeden Fall wurden wir an diesem Wochenende auch wieder Zeuge des verrückten Wetter in Texas, da die Temperaturen mal eben auf -8 Grad fielen. Eltern, die mitgekommen waren, kauften Leggings, Hand- und Schuhwärmer und Stirnbänder, für alle 22 Spielerinnen, da sich die eh schon eisigen Temperaturen durch den Wind nochmal 5 Grad kälter anfühlten. Einfach nur verrückt!

 

high School USA Texas Sport

 

Roadtrip durch Texas

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Besonders wenn man bedenkt, dass wir auf dem Roadtrip durch Texas, denn meine Gastfamilie und ich kurz vor Weihnachten machten, bis zu 32 Grad hatten. Wir besuchten die Städte San Antonio, New Braunsfels, Fredericksburg und Luckenbach, die von den früheren deutschen Einwanderern noch sehr deutsch sind. Besonders San Antonio hat auch eine sehr interessante Geschichte, über die mein Gastbruder, der Geschichtslehrer ist, natürlich alles wusste. So sah ich nicht nur Luckenbach, das wohl kleinste Dorf in Texas mit nur 4 Einwohner und deren berühmtes „Post-office“, sondern auch den „Enchanted Rock State National Park“ in Fredericksburg und einen uralten deutschen Antik-Laden, wo ich mich mit den zwei 80 Jährigen deutschen Besitzern unterhielt. Dieser Trip sorgte dafür, dass ich mich noch besser mit meiner Familie verstand, wir uns alle näher kamen und ich unglaublich viel von Texas sah und lernte.

 

Luckenbach Texas Camping in Huntsville, Texas

Aquariumm in Houston, Texas Flagge USA

 

Austin, Texas BBQ

 

Weihnachten im Lone Star State


Wenige Tage später war dann Weihnachten. Am 25. Dezember hatten wir 25 Grad und ich packte im T-Shirt meine Geschenke aus. Insgesamt unterschied sich mein erstes Amerikanisches Weihnachten sehr von dem, was ich gewohnt bin. Am 24. Dezember machten wir gar nichts und ich telefonierte mit meiner Familie in Deutschland. Dadurch hatte ich sozusagen 2 Weihnachten, da, als ich am 25. Dezember aufwachte, es dann unsere Zeit war Geschenke auszupacken und Weihnachten zu feiern. Und eins kann ich sagen: Amerikaner eskalieren in Bezug auf Geschenke!! Ich habe noch nie so viele Geschenke unter einem Weihnachtsbaum gesehen und dazu kamen noch die „Stockings“, die randgefüllt waren. Stockings sind schwer zu beschreiben aber es sind die „Schuhe“, die in amerikanischen Filmen an Weihnachten an den Kaminen hängen. Dort packt man kleiner Geschenke und Unmengen an Süßigkeiten rein.


Ich bekam sehr viele Geschenke von meiner Gastfamilie, was ich wirklich nicht erwartet hätte. Von Beats über eine Polaroid Kamera bis hin zu Schmuck und Klamotten. Als dann mein älterer Gastbruder mit seiner Frau kam, bekam ich nochmal einen Fußball und ein FC Bayern München Trikot. Da meine Gastfamilie es mag, die Geschenke schwierig und vielleicht auch ein bisschen gemein einzupacken, zum Beispiel mit mehreren Lagen Geschenkpapier, Drahtbindern oder einer ganzen Rolle Tesafilm, dauerte das etwas länger. Ich ließ mir etwas ganz Besonderes einfallen und fror mein Geschenk an meinen jüngeren Gastbruder ein. So musste er mehrere Stunden warten, bis das Eis endlich geschmolzen war. Auf jeden Fall aßen wir dann noch alle zusammen, guckten einen Film und dann war mein amerikanisches Weihnachten auch schon zu ende. Anders aber auf keinen Fall schlechter!

 

New Year's Eve


Leider war mein Silvester Abend ganz anders…In Deutschland feiere ich Neujahr normalerweise relativ groß mit meiner Familie, Freunden, gutem Essen und Feuerwerk aber hier lief es anders. Meine Gastfamilie und ich machten nicht wirklich was am letzten Tag des Jahres. Abends startete mein Gastvater dann einen Film, den wir bis 23:45 guckten. Kurz vor Mitternacht gingen wir dann auf die Straße vor unserem Haus in der Hoffnung, das Feuerwerk in der Nähe von uns zu sehen. Als es dann Mitternacht war sahen wir gar nichts und nach einem kurzen „Happy New Year“ gingen wir ins Bett. Ich hatte nicht viel erwartet aber ich war doch schon etwas enttäuscht. So ist das aber manchmal. Jeder hat halt doch andere Traditionen und eine andere Art zu feiern und immerhin habe ich gelernt, mein „deutsches“ Silvester, wertzuschätzen.

 

Gastfamilienwechsel


Alle meine Neujahrsvorsätze wurden dann am 1. Januar sofort vergessen und verdrängt, da ich aus persönlichen Gründen die Gastfamilie wechseln musste. Dazu kam dann noch, dass ich auch die Schule wechseln musste, was bedeutete, dass ich auch in eine andere Stadt zog.
Ein Auslandsjahr ist halt doch nicht immer eine 100% gute und positive Erfahrung.
Es war wirklich schwer für mich, meinen Freunden mit denen ich mich gerade so gut verstanden hatte zu verlassen und mir wurde erst dann klar, wie sehr diese Stadt mein zu Hause geworden war. Erst dann schätze ich die wirklich kleinen Sachen wie die Musik während man die Klasse wechselt, die Menschen die ohne dass ich sie kenne meinen Namen schrien oder das so „späte“ aufstehen, weil ich so nahe an der Schule wohnte…


Ich habe genau nach 5 Monaten gewechselt, was bedeutet, dass ich sozusagen 2 Auslandsjahre habe, die jeweils 5 Monate lang sind. Jetzt ist alles wirklich total anders. Fast schon komisch, dass die zweite Hälfte meines Jahres buchstäblich das komplette Gegenteil wird.
Ich versuche es aber immer noch positiv zu sehen. Immerhin kann ich jetzt eine andere Seite der amerikanischen Kultur kennenlernen, denn was eine Familie macht, muss ja noch lange nicht der Durchschnitt machen. Jetzt bekomme ich auch die Chance nochmal doppelt so viele Menschen kennenzulernen und Freunde zu finden, wo ich in meiner alten Stadt niemals die Möglichkeit zu gehabt hätte. Ich erlebe wie es ist auf eine andere amerikanische High School zu gehen und bei einer anderen Familie zu leben und das wird meinen Horizont nochmal viel mehr erweitern als wenn ich 10 Monate bei der gleichen Familie, Stadt und Schule verbracht hätte und nur eine Seite des so vielseitigen Landes kennengelernt hätte.


Ich hatte einen zweiten 1. Schultag wo du rein gar nichts verstehst und alles viel zu neu ist, eine zweite 1. Woche, in der sich noch jeder für dich interessiert und ich hatte auch eine zweite 2. Woche, in der die anderen das Interesse an dir verloren haben und du jetzt selber auf die Suche nach Freunden und netten Leuten gehen musst. Ich fühle mich ein bisschen so wie im August, als ich ankam und das ist gar nicht so schlecht, denn wer wünscht sich nicht an den Anfang seines Auslandsjahres zurück, an dem noch alles aufregend und neu war?


Mit meiner neuen Gastfamilie fuhr ich gleich am zweiten Wochenende nach New Braunsfels, wo wir uns unterirdische Tropfsteinhöhlen anguckten und 2 Filme in einem echten Drive-In Kino guckten. Da es zu kalt war um auf der Ladefläche mit Kissen und Decken zu liegen, wie man es aus Filmen kennt, saßen wir im Auto. Es war trotzdem ein einmaliges Erlebnis und es hat die eh schon guten Filme um ein vielfaches spannender und aufregender gemacht.


Auf der Rückfahrt guckten wir uns dann noch einen wunderschönen Campingplatz an, da meine Gastfamilie sehr gerne campen geht. Er hatte einen Fluss und lag mitten in einem Wald. Dort fahren wir nächstes Wochenende hin um das erste Mal in diesem Jahr campen zu gehen. Ich freue mich da schon wirklich drauf und ich glaube, dass es echt lustig wird. Wir haben auch schon über einen Trip nach Phoenix in Arizona oder New Orleans geredet und ich freue mich schon sehr auf die kommenden 4 Monate.

 

USA Schüleraustausch

 

Wie ich mich verändere


Allgemein kann ich nach 6 Monaten echt sagen, dass ich mich verändert habe. Meine Sprache wurde viel besser und ich träume und denke auch regelmäßig in Englisch. Das ist auch relativ witzig, weil mein Gehirn teilweise echt überfordert ist mit 4 verschieden Sprachen. Manchmal denke ich in Englisch, rede Deutsch und zähle dann in Dänisch in Mathe. Sehr verwirrend aber es macht auch Spaß zu sehen, wie sich meine Wortschätze verändern. Dänisch und Deutsch eher zum Negativen und Spanisch und Englisch zum Positiven.

 

Auch vom Äußerlichen habe ich mich glaub ich mehr verändert, als ich es in Deutschland getan hätte. Es ist hier einfach so gut wie gar nicht möglich, nicht zuzunehmen. Ich finde aber dass man sich da keinen Druck machen sollte und weiterhin alle neuen Gerichte und Sachen probieren sollte. Es gehört halt zu der Kultur.  Die größte Veränderung bemerke ich aber mental.

 

Ich hatte zwar noch keinen Tag Heimweh seit dem ich hier bin aber durch die ganzen harten Zeiten, durch die ich mehr oder weniger alleine durchmusste, wurde ich mehr erwachsen und auch reifer. Ich denke anders und gehe Sachen anders an. Ich fühle mich auch nicht mehr wie 16 sondern eher wie 19 und das bestätigt ja nur, was man über ein Auslandsjahr sagt. Es lässt dich erwachsen werden und das trifft bei mir voll zu.


Insgesamt kann ich es kaum erwarten zu erfahren, was die nächsten 4 Monate für mich bereithalten aber ich möchte am liebsten auch die Zeit anhalten, damit der Zeitpunkt meiner Abreise nicht näher kommt. Alleine daran zu denken, dass ich das alles hier bald verlassen werde und alle meine Freunde und meine Familie ihre Leben einfach so ohne mich weiterleben, macht mich mehr als traurig. Trotzdem freue ich mich auch schon wieder auf Deutschland und denke auch sehr oft daran wie es sein wird, meine Familie und Freunde das erste Mal nach 10 Monaten wiederzusehen.


Aber genug erzählt, der 51. Superbowl fängt in 30 Minuten an und den darf ich auf jeden Fall nicht verpassen!


Liebe Grüße,

Maylis