Sonntag, 22. Oktober 2017
Herzlich Willkommen bei Weltbürger-Stipendien!

Du befindest dich hier: weltbuerger-stipendien.de » WELTBÜRGER-Stipendiaten » Maylis R. (USA)

Welcome back

 

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Maylis R.
Stipendium gestiftet durch:
weltweiser



Schüleraustausch USA



„How lucky I am to have something that makes saying goodbye so hard” –Winnie the Pooh

 


Wie glücklich ich sein kann, etwas zu haben, was das Tschüss sagen so schwer macht, das hat Winnie Pooh schon gesagt. Und dieser Spruch beschreibt auch besser meine letzten Wochen in den USA, als alles andere. Aber ich fange mal damit an, von meinen letzten 4 Monaten in Texas zu erzählen.

 

Schulbus USA


Im März war die Fußballsaison im vollen Gange, was bedeutete, dass ich jeden Tag bis 17 Uhr trainierte. 2 Mal die Woche hatten wir ein Spiel, wo es entweder bei uns auf dem heimischen Footballplatz zum Duell kam oder wir mit dem Schulbus zu einer der umliegenden High Schools fuhren um dort um die Distrikt-Meisterschaft zu spielen. Jetzt im Nachhinein, sehe ich die Fußballsaison auch als einer meiner Höhepunkte des Auslandsjahres. Durch den Sport wächst man einfach so mit seinen Mitspielerinnen zusammen und erlebt das, wofür amerikanische Schulmannschaften bekannt sind: Zusammenhalt, Teamgeist und Fairness. Für mich persönlich war die Saison auch sehr erfolgreich, da ich viele Tore schoss und am Ende den Award der besten Offensivspielerin bekam.


Mitte März war Springbreak und ich flog mit meinem Gastbruder und meiner Gastmutter nach Mexico. Genauer gesagt Mexiko City, die größte Stadt der Welt. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mal nach Mexiko City komme. Wir wohnten direkt in der Stadt und sahen unglaublich viel. Mich faszinierte die Mexikanische Kultur, seitdem ich mich mit so vielen Mexikanern in der Schule angefreundet hatte, und die Mexikanische Hauptstadt enttäuschte mich auch nicht. Ich habe Fernweh nach echten Mexikanischen Tacos, die ich dort jeden Morgen an einem kleinen Straßenstand kaufte und nach dem Mexikanischen Flair, den die kleinen und alten Gassen haben.

 

Mexiko Pyramiden

 

Am meisten beeindruckt haben mich jedoch die Pyramiden. Ich habe noch nie Pyramiden gesehen und der Anblick war einmalig. Alleine das Gefühl auf einer Mexikanischen Pyramide zu stehen und über das Land zu gucken war etwas, was ich so schnell nicht mehr vergessen werde. Ich konnte sogar ein Promkleid in einer der vielen Kleiderläden kaufen. Wieder zurück in den USA, war die Fußballsaison wenige Tage später auch schon wieder vorbei und ich wechselte zu Tennis. Ein Sport, der mich schon immer interessiert hatte und den ich einfach mal ausprobieren wollte. Eine gute Entscheidung, da ich so nochmal ganz neue Freunde finden konnte und die Möglichkeit hatte, etwas auszuprobieren, wofür ich hier in Deutschland einfach keine Zeit habe.

 

Prom


Anfang April war dann Prom und der Tag, von dem die ganze Schule schon Monate vorher geredet hatte, war endlich gekommen. Ich ging mit einer Gruppe von Freunden und um ehrlich zu sein, war die Veranstaltung an sich ok aber nicht überragend. Wir aßen Chickenstrips und Pommes und hatten einen schönen Abend, an dem die Stimmung aber irgendwie nicht richtig aufkommen wollte. Nur als die Promqueen und der King ernannt wurden und die Footballjungs eine „Rap-Einlage“ auf der Bühne performten, wurde es laut. Ein weiteres Highlight meines Jahres waren dann aber die Tage nach Prom, an denen meine Freunde und ich ein Beachhouse gemietet hatten und die Zeit mit Volleyball, Fußball, am Strand und in Hängematten genossen.


Ein weiteres Highlight im April war meine erste amerikanische Country Hochzeit, bei der die Freunde meiner Gasteltern heirateten. Sie wurde in einer Art Scheune veranstaltet und die Stühle waren Heuballen. Alle Brautjungfern und Trauzeugen hatten Cowboyboots an und an dem Abend brachte mein Gastvater mir auch den traditionellen „Two-Step-Tanz“ bei.


Die Zeit raste und bevor ich mich versehen konnte war es Mai und mein letzter Monat Schule, hatte angefangen. Anfang Mai flog ich dann nochmal für eine Woche nach Arizona, wo die Mutter meiner Gastmutter lebt. Direkt nach meiner Ankunft in Phoenix ging es los auf einen Roadtrip. Durch Arizona, mit einer völlig verrückten 70 Jährigen Amerikanerin und einem tiefentspannten, 70 Jährigen Hawaiianer. Was für ein Erlebnis. Wir fuhren nach Sedona, ein kleines aber wunderschönes Indianerdorf,  nur 2 Stunden Autofahrt vom Grand Canyon entfernt. Dort besuchten wir eine heilige Kathedrale auf einem Kliff.

 

Grand Canyon

 

Wir fuhren zum Grand Canyon, der mich sprachlos machte, hatten Lunch in einem Restaurant, direkt am Abgrund des Canyons, fuhren auf der berühmten Route 66 und machten Bilder mit den Kakteen, die Arizona so auszeichnen. Als Highlight trafen wir dann noch die Kusine meines Opas die mit ihrem Ehemann in der Nähe meiner Gastoma wohnt. Ich hatte sie noch nie getroffen aber sie hatten meine Eltern und meine Großeltern einige Jahre vor meiner Geburt besucht. Dort blieb ich eine Nacht. Zusammen besuchten wir einen Nationalpark, einen See und Skypten sogar mit meiner Familie hier in Deutschland, was meine Großeltern unglaublich glücklich machte. Als Abschluss besuchte ich dann noch den Bastelclub meiner Gastoma, wo ich mit 5 älteren Frauen zusammen Grußkarten bastelte. Arizona gefiel mir so, so gut. Die Landschaft, die Vielseitigkeit, die Menschen und vor allen Dingen das Wetter, was mich mit über 108 Grad Fahrenheit (42 Grad Celsius), belohnte. Die Zeit ging viel zu schnell vorbei und schon musste ich wieder zurück nach Texas.

 

Kakteen Arizona


Die letzten Schulwochen sprinteten schon fast an mir vorbei. Ich ließ alle meine Freunde und ein paar meiner Lehrer in mein Jahrbuch schreiben, die ganze Senior-Klasse übte für die Abschlusszeremonie und das Gefühl zwischen Vorfreude auf Deutschland und Trauer, mein amerikanisches Leben hinter mir zu lassen, wurde immer stärker. Mit dem „Senior-Walk“, bei dem alle Seniors zusammen mit der Band ein letztes Mal durch die Gänge der Schule laufen, an den Seiten alle jüngeren Schüler und Lehrer, die einem Tschüß sagen, beendete ich mein Schuljahr auf meiner amerikanischen High School. Wenige Tage später war dann auch die Abschlusszeremonie, an der ich als Austauschschülerin auch mitmachen durfte. In meiner Blauen Kutte und mit den traditionellen Hüten, lief ich über die Bühne und erhielt mein Teilnahmezertifikat. Als dann alle 650 Schüler, gleichzeitig und begleitet mit dem Applaus von über 2500 Menschen, ihre Hüte hochwarfen, wurde mir schlagartig klar, dass es jetzt vorbei war.

 

Graduation


Meine letzten 2 Wochen verbrachte ich jeden Tag mit Freunden. Ich ging ins Kino, ins Restaurant, in die Mall oder in den Beachclub aber es war fast so, als dürfte ich keine Sekunde mehr verschwenden. Meine Lieblingslehrerin, die ich sogar fast am meisten vermisse, schenkte mir 4 Tickets für NASA in Houston, wo ich mit meinen Austauschfreundinnen aus Deutschland, Italien und Tschechien zusammen hinging. Meine beste Freundin veranstaltete eine „See you soon-Party“ für mich, mit traditionellen Mexikanischem Essen und Geschenken. Am letzten Tag hatte ich dann nochmal einen halben Nervenzusammenbruch auf Grund meiner Talente für das Packen aber irgendwann war dann alles verstaut und sauber gemacht und ich war mehr oder weniger bereit für den Abflug. Meinen Gasteltern schenkte ich eine Bildercollage, Süßigkeiten und anderen Kleinkram und bedankte mich persönlich sowie in einem Brief für alles, was sie für mich getan hatten. Wenige Wochen vorher hatten sie mir einen Koffer, gefüllt mit einem Handtuch, einem T-Shirt und einer Leinwand auf dem wir 3 zu sehen waren, geschenkt. An dem Morgen meines Abfluges, kamen 3 meiner besten Freunde vorbei und wir aßen Donuts und Kolachess in der Einfahrt auf der Ladefläche eines Trucks. Und dann ging es los…


Ich wollte meine Gasmutter noch zum Umdrehen überreden aber ehe ich mich versah saß ich schon im Flieger zurück. Dort las ich dann auch mein Jahrbuch, das ich vorher nicht einmal aufgemacht hatte. Zu lesen, was meine Freunde dort hinein geschrieben haben, war überwältigend und es war sogar so schlimm, dass meine Sitznachbarn fragten ob bei mir alles okay sei. Die Liebe und Freundschaft, die in diesen Texten steckt, übertrifft alle die harten Zeiten und negativen Sachen, die ich erlebt habe. Bis jetzt, fast 1 Monat nach meiner Ankunft, habe ich es immer noch nicht geschafft, mir die Texte noch einmal durchzulesen.


Der Flug war ein Mix aus Trauer, meine Freunde verlassen zu haben und Freude, nach Hause zu kommen. Der Moment, durch die Türen im Flughafen zu kommen und meine ganze Familie mit einem riesen Banner und Plakaten zu sehen, war unglaublich. 10 Monate lang hatte ich mir diesen Moment ausgemalt. Die ersten Tage in Deutschland waren aufregend. Alle wiederzusehen, in meinem eigenen Bett zu schlafen, einfach wieder zurück zu sein, war ein gutes Gefühl.

 

Willkommen zu Hause


Doch schon bald setzte der umgedrehte Kulturschock ein. Die deutsche Direktheit empfand ich als total unverschämt, Deutsch klang so kratzig und harsch, der Jetlag machte mir zu schaffen und ich vermisste Amerika. Bei der Frage „Wie war denn dein Trip?“ oder „Wie war’s?“ wäre ich am liebsten in die Luft gegangen und allgemein fühlte ich mich nicht so, als könnte irgendjemand verstehen, was dieses Jahr mit mir, meinen Vorstellungen und meinem Kopf gemacht hat. Alles war so gleich geblieben. Meine Freunde schlugen sich immer noch mit den gleichen Problemen herum, sie machten immer noch das Gleiche und sahen auch noch gleich aus. Bei meiner Familie war es genauso. Zu Hause roch es immer noch wie vorher und überall wo ich hinkam, sah es auch noch genauso aus wie vor einem Jahr. Ich fühlte mich, als wäre auf Stop gedrückt worden als ich gefahren bin und auf Play, als ich wiederkam. Das einzige was sich so sehr verändert hatte war ich.


Und jetzt, einen Monat später, vermisse ich es immer noch. Jeden Tag. Ich vermisse meine Freunde, sie nicht jeden Tag zu sehen, ich vermisse meine Gasteltern, meine geliebten Quesadillas, meine Hunde und das Wetter. Ich vermisse es Englisch zu reden und die Ausländerin zu sein. Es ist immer noch so, dass niemand richtig versteht, was ein Auslandsjahr eigentlich mit einem macht. Es sind die vielen kleinen Erlebnisse die dich verändern und dafür sorgen, dass du einfach nicht mehr die Person bist, die du vor deiner Abreise warst.


Ich bereue es keine Sekunde, mich für ein Auslandsjahr entschieden zu haben und empfehle es auch jedem weiter. Es ist nicht das beste Jahr deines Lebens und du wirst an deine Grenzen gebracht und du wirst auch daran zweifeln ob du nicht lieber nach Hause fahren solltest aber es ist alles wert. Die Erfahrungen die du machst und die Erlebnisse die du hast, wirst du niemals vergessen und du lernst. Oh Mann, du lernst einfach so viel, jeden Tag.


Ich bin nicht mehr die Gleiche, die ich noch vor 10 Monaten war. Ich bin fast süchtig danach, neue Leute kennenzulernen und neue Orte zu sehen. Ich wechsle die Schule und ziehe um, weil ich Veränderung brauche. Ich fühle mich, als passe ich nicht mehr in mein altes Leben, das vor meinem Auslandsjahr, rein und das ich hier, in Deutschland, nie wieder 100% zu Hause sein werde. Ich habe einfach zu viel erlebt, gesehen und gemacht. Mein Auslandsjahr war kein „Trip“, oder ein Erlebnis, was man mit einem Satz auf die Frage „Wie war’s?“ beantworten kann. Es war so viel mehr und hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Und niemand hier zu Hause wird jemals richtig verstehen, weil sie einfach nie in der Situation waren, aber alles was mir bleibt sind Freunde am anderen Ende der Welt, Fotos an meiner Wand, Erinnerungen in meinem Kopf und der Gedanke „wie glücklich ich sein kann, etwas zu haben, was mir das Tschüss sagen so schwer gemacht hat.“