Montag, 11. Dezember 2017
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Life is about creating yourself

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin: 
Sarah M. - Neuseeland

Stipendium gestiftet durch:
GLS Sprachenzentrum





März 2011

Life is not about finding yourself, it's about creating yourself

Also, wie soll ich anfangen ?! Ich stieg ins Flugzeug, hatte gefühlte 200 Vorbereitungsbriefe gelesen, stundenlang telefoniert und Bücher gelesen, Reiseführer studiert und hatte das Gefühl jegliche Wikipedia Artikel über Neuseeland schon auswendig zu können ... und wusste irgendwie doch nicht was mich erwartet .. häää?? Was mache ich hier ? Moment mal, noch mal kurz ins Gedächtnis rufen wieso ich noch mal gleich hier sitze ..

ACHJA! Die trockene Luft des Flugzeugs und meine, von dem 10 Kilo schweren Rucksack, schmerzenden Schultern erinnerten mich wieder. Aufbrechen, du selber sein, was neues sehen und erleben, unabhängig sein. So weit weg wie es geht. Erst ganz anders und später dein zweites Zuhause ? Neues sehen, entdecken, fühlen! Langeweile, Routine und Alltag für eine Zeit lang adé und auf, weit hinaus über meinen Horizont.

Angekommen wurde es erst mal schwer meine Vorsätze umzusetzen. Meine Gedanken kamen mir manchmal wie eine eine rießen Welle vor, die sich vor mir aufbaut, sodass ich gar nicht 'sehen' konnte. Aber ist ja irgendwie auch klar, so viele Gedanken gingen mir durch den Kopf .. wie finde ich möglichst schnell Freunde, welche Fächer wähle ich, worüber könnte ich noch mit meiner Gastfamilie sprechen, mögen die mich, verstehen die mich ...englisch?! Ich konnte mir nur schwer die Satzordnung Subjektiv,Prädikat,Objekt wieder in Erinnerung rufen.. Ich weiß, klingt komisch, denn eigentlich war ich in dem Englisch Unterricht in Deutschland auch nie schlecht, aber meine Vermutung ist, dass es einfach an der Spontanität liegt, denn im Unterricht ist ja doch schon viel vorprogrammiert.

Ich hab auf jeden Fall am Anfang sehr viele deutsche Wörter in meine versuchten englischen Sätze eingeflößt und hab einigen ungewollten Schwachsinn erzählt. Ich hab mich einfach unwohl gefühlt, aber dass war wohl gar nicht so schlimm wie sich's für mich angefühlt hat, meinte meine Gastfamilie. Die hatten vor mir auch schon  mal eine Gastschülerin und die hätten sie wohl am Anfang gar nicht verstanden, und bei mir wussten sie wenigstens was ich sagen wollte ..Ich hab's also mit Humor genommen und gegen Ende, wo ich dann schon selbstbewusster englisch sprechen konnte, fand ich die anfänglichen Versuche auch super lustig.

Also nachdem ich mit harten Anfangsverständigungsprobleme zu kämpfen hatte, wich meine Hoffnung am ersten Schultag einen super 'ersten Eindruck' hinzulegen. Trotzdem hab ich alles gegeben. Sachen sorgfältig am Abend zuvor raus gelegt, Haare schön geglättet und ein gesundes Frühstück gefrühstückt.

Von der 'Wilkommensvorstellung' war ich sehr begeistert und muss das unbedingt noch erzählen. In dem riesigen Theater meiner Schule fand eine Vollversammlung statt, nur um die neuen Lehrer und Schüler (Austauschschüler oder die, die die Schule gewechselt haben) zu begrüßen. Die gesamte Schule saß in dem Theater zusammen und haben angefangen ein Lied zu singen. Das war unser Zeichen, wir gingen rein. Männer zuerst und Frauen danach, nach maorischer Tradition. Wir nahmen also auf ein paar Stuhlreihen, die gegenüber der restlichen Schule aufgestellt waren platz. Zwei Parteien sozusagen. Dann hat der Schulleiter und ein neuer Lehrer, der neu an die Schule gekommen war, also auch in unserer Gruppe der 'Neuen' vertreten war ein paar Vorträge in Maori gehalten .. womöglich haben die ein Gespräch geführt, es war aber nicht zu entziffern. Über meinem Kopf konnte man theoretisch das Fragezeichen sehen. Dann ging es wenigstens weiter in Englisch und das Fragezeichen vor meinen Augen verkleinerte sich ein wenig. Als 'Antwort' auf ihr Lied fingen wir nun auch an zu singen. 'You are my sunshine' hatten wir ausgewählt, weil das die meisten kennen. Von meiner Schule in Deutschland kannte ich nur die jährliche Winter/Weihnachten Vollversammlungen, wo der Text von 'Oh du Fröhliche' vorher verteilt wird und sowieso keiner mitsingt weil das irgendwie allen zu peinlich ist.

Um dann wirklich ganz in die 'Gesellschaft' aufgenommen zu werden, und um aus den zwei anfänglichen Parteien eine zu machen, sind wir dann, diesmal Frauen zu erst, auf die erste Reihe zugegangen und haben jeden einzeln begrüßt mit dem traditionellen Maori-Gruß 'Hongi'.

Sofort an meinen ersten Tagen konnte ich also die Mentalität der Neuseeländer spüren und war erst mal Baff. Die Persönlichkeit, dass sie jeden persönlich in die Gemeinschaft aufnehmen wollen und die Offenheit und die Gelassenheit fand ich unglaublich.

Die nächsten Tage flogen so vor sich hin. Ging alles doch ganz schön schnell. Hatte meine Fächer gewählt und rein ging's in den Schulalltag.

Ich muss sagen, dass ich das ganze halbe Jahr nicht drüber hinweg kam, wenn ich aufstand zu denken 'oh man, du bist in Neuseeland'! Es war schon unglaublich. Ich stand vielleicht nicht besonders standfest auf meinen Beinen, aber ich stand auf meinen eigenen.

Die ersten Tage in der Schule waren schön und aufregend. Jeder hat mich, und natürlich auch die anderen Austauschschüler angestarrt und viele haben mich auch angesprochen, leider allerdings nicht mehr als 2 Fragen .. Nr. 1 : Wie heißt du ? & Nr. 2 : Wie lange bleibst du hier ? .. waren nicht besonders tiefgründige Gespräche und meinen Namen hatten sie bestimmt eine Stunde später wieder vergessen (obwohl ich mir alle Mühe mit dem ersten Eindruck gab!). Und wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass es kein Kinderspiel war 'Freunde zu finden'. Hört sich irgendwie wie eine Mission an, die erfüllt werden muss, aber es ist ja echt so. Alleine ist man irgendwie alleine.  Naja, am Anfang hatte ich dann viel mit den anderen Austauschschüler zu tun, die leider ( 'leider' wegen der gleichen Sprache, man wird verführt mehr deutsch zu reden) größtenteils aus Deutschland kamen. Aber die Neuseeländer sind echt super offen und wenn man auch offen ist, ein bisschen sich selbst einbringt und auf andere zugeht findet man auch Freunde. Nach ein paar Wochen lief ich auf jeden Fall schon durch die Schule und wurde von vielen begrüßt. Und später habe ich dann ein paar wirklich gute Freunde gefunden.

Schule wurde dann irgendwie normal .. hatte ein paar Freunde gefunden, jeden Tag die gleichen Fächer, die mir größtenteils wirklich viel Spaß machten, und nach der Schule oft noch ein bisschen Volleyball spielen. Es wurde irgendwie normal da zu sein, was auf der einen Seite nicht grad schlecht war, zeigt ja immerhin, dass ich mich gut eingelebt hatte, aber andererseits wollte ich das Gefühl auch mit aller Kraft verhindern, ich wollte nicht vergessen wo ich im Moment war und mich bloß nicht dran gewöhnen. Denn alles was man als normal empfindet weiß man auch nicht mehr richtig zu schätzen, oder ?

Ich konnte mich (zum Glück) nie so wirklich daran gewöhnen, dass ich da war. Auch jetzt, wo ich schon wieder da bin, kommt es mir immer noch komisch vor einfach so zu sagen 'das hab ich aus Neuseeland' oder 'den Film hab ich schon in Neuseeland gesehen' oder was weiß ich, da fallen mir hunderte Beispiele ein.

Bei meiner Familie hab ich mich dann mit der Zeit auch wirklich gut eingelebt. Natürlich fällt es am Anfang schwer Smalltalk beim Abendessen zu führen, aber ich glaub das ist normal. Man kennt sich ja noch gar nicht und kann sich eben nur oberflächlich unterhalten. Bei mir war es gut, weil ich noch eine Italienische Gastschwester hatte, und dann waren wir die erste Zeit zu zweit. Aber meine Gasteltern haben sich sofort bemüht, dass ich mich wie zu Hause fühle. Mich sofort in die Familie integriert und mich eben wie ein richtiges Familienmitglied behandelt. Ich kann mich noch an die ersten Abende erinnern, wo ich mich noch nicht mal getraut habe, die Füße auf die Couch zu legen.. und ein paar Wochen später haben wir uns schon um den besten Platz auf der Couch gestritten oder wo ich bin beim All Blacks Spiel, dem heiligen Rugby Team Neuseelands wofür mein Gastvater sogar um 6 Uhr morgens am Wochenende aufgestanden ist, eingeschlafen, was sie mir hoffentlich nicht übel genommen haben. Wie ich die ersten Tage immer schon zu früh aufwachte und fertig war und wie mich später meine Gastmutter jeden Tag aus dem Bett schreien musste. Es ist einfach meine zweite Familie am anderen Ende der Welt geworden.

 



Ich war ja auch während zwei Schulferien dort, und da habe ich die unglaublichsten, abenteuerlichsten und  interessantesten Reisen in einem der unglaublichsten Länder der Welt gemacht (Ich weiß, 'unglaublich' kommt ganz schön oft vor, aber ich kann's einfach nicht anders beschreiben).

Neuseeland ist ein sehr beliebtes Ziel für Backpacker und deshalb gibt es dort auch total viele Reisebusse, praktisch auf die Verhältnisse von Backpackern abgestimmt (unabhängig und billig), die durch das Land fahren und es dir zeigen. Sie fahren die 'berühmtesten' und schönsten Plätze an und dann ist das meistens so, dass man den Tag dann hat um den Ort zu erkunden oder irgendwas verrücktes zu machen (Gibt es in Neuseeland reichlich Möglichkeiten zu! Die sind verrückt nach extrem outdoor Sachen! Z.B. Bungeespringen (wurde nebenbei auch dort 'erfunden') oder Skydiving und vieles mehr ). Meistens bleibt man dann eine Nacht an diesem Ort, es sei denn man ist besonders spät angekommen und es gibt viel zu machen, dann bleibt man auch mal 2 Nächte, und am nächsten Tag geht es wieder in den Bus und ab zum nächsten Ort. Oder es gefällt einem besonders gut an diesem Ort und man hat viel Zeit, oder man findet Arbeit und hat ebenfalls viel Zeit mitgebracht, dann kann man auch einfach dort bleiben, so lange wie man will. Wenn man dann genug hat und was neues sehen will, kann man sich einfach wieder melden und in den nächsten Bus steigen. Das sind so was wie Linienbusse, nur halt für größere Strecken. Übernachtet wird meist in Hostels, das sind so etwas wie Jugendherbergen.

Einmal während einer Reise wurde mir wieder bewusst, dass das einfach unglaublich ist, was ich dort erleben durfte. Da hab ich mich mit einem Engländer unterhalten, der so etwas wie 'work and travel' machte und auch mit mir in dem Bus war, und als ich dann erzählt hab, dass ich 17 wäre, war er total überrascht  und meinte 'seventeen ?? I was a mess when I was seventeen! I could hardly get dressed myself!'. Da dachte ich wieder wie verrückt dass ganze eigentlich war. Mit 17 am anderen Ende der Welt in einem Ort der nur aus einem Supermarkt und einer Kneipe bestand, manchmal hat man auch nur die Kneipe gesehen, aber ich hab gedacht es muss ja irgendwo ein Supermarkt geben, zu sein, mir eine Tütensuppe warm zu machen und mit fremden Menschen Monopolie zu spielen und zu lachen.

Und zur Erleichterung meiner Eltern, die eher Sorge hatten, dass ich wegen Mangel-Ernährung krank werden würde (war ja Selbstverpflegung) oder dass ich irgendwelche Abfahrtszeiten verschlafen würde und dann im Urwald verloren gehen würde, hat alles gut geklappt und es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht! Ich konnte nicht nur viele Leute aus der ganzen Welt kennenlernen, sondern auch jeden Winkel von Neuseeland erforschen. Das Land ist einfach unheimlich schön. So etwas habe ich noch nie gesehen (hört sich jetzt nicht ganz so überzeugend an, bin ja erst 17 und hab noch nicht so viel gesehen, aber als meine Eltern die Fotos gesehen haben, haben sie das auch auch gesagt und dann ist das schon überzeugender). Die Landschaft ist so abwechslungsreich, wir waren einen Tag an den schönsten Stränden von Regenwald umringt und ein Tag später sind wir den Gletscher hochgewandert. Es gibt dort so viel zu sehen, ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Die ganzen Fotos und Filme die dort gemacht wurden, die ich vorher gesehen hatte, was aussieht wie arrangiert, sieht wirklich so aus. Es ist einfach unglaublich schön.

 





 



Und die Kiwis machen das Ganze komplett. Die Gelassenheit und Offenheit, die die Neuseeländer leben..hat mir das Gefühl gegeben, dass sie wissen, wie man das Leben genießt. Meine Gastfamilie hätte glaub ich schon am liebsten zum Frühstück irgendetwas auf den Grill gelegt. Und wenn es geregnet hat (und das hat es im Winter 3 von 4 Tagen!) hat man halt eine Markise über den Grill gespannt. Es gibt halt kein falsches Wetter zum grillen.

Ich habe ja in Auckland, der, mit Abstand, größten Stadt Neuseelands gelebt (allein in Auckland wohnen mehr Leute als auf der ganzen Südinsel!), und da herrschte allgemein eher so ein 'Großstadt-feeling' .. aber wenn man aufs Land fährt und stundenlang aus dem Fenster nichts anderes sieht als grüne Wiesen mit vielen Schafen und noch grünere Wiesen, dann ist die Mentalität schon anders und sehr viel gelassener als in Auckland. Alles ist irgendwie persönlicher, ich hatte das Gefühl, dass die Bevölkerung zusammenhält und auch versucht die Maori Kultur versucht zu erhalten. Es gab zum Beispiel eine Maori language week, wo überall verschiedene Veranstaltungen liefen, die sich dafür eingesetzt haben, dass die Sprache nicht vergessen wird. Oder bei jeder wichtigen Veranstaltung (Abschlüsse oder Reden vor Ferien in der Schule, Politik) ist immer ein Teil der Rede in Maori. Und wenn es um das Rugby Team, die All Blacks geht, dreht ganz Neuseeland ja sowieso durch, aber abgesehen davon, tanzt das Team vor jeden Spiel den Haka, den traditionellen Maori Kriegstanz.


 



Mittlerweile bin ich ja wieder zu Hause (das in Deutschland), und habe mich auch schon wieder eingelebt. Ich war natürlich total gespannt was sich hier so verändert hat, oder ich war eher gespannt wie sich die Leute in einem halben Jahr so verändern. Ich hatte auch Angst, dass sich meine Freunde so verändert hätten, dass ich gar nicht mehr 'reinpassen' würde ..Aber mir kommt es so vor, als wäre die Zeit hier stehen geblieben und ich wäre, wie in einem Zug, einfach nur kurz ausgestiegen und jetzt wieder drin.. Bei einem der Vorbereitungstreffen hat eine 'Ehemalige' mal gesagt, dass sie selber das Gefühl hat, sich selbst weiterentwickelt zu haben. Und es steht ja auch in ganz vielen Berichten und Büchern, dass Kinder gehen und Erwachsene wiederkommen. Aber ich kann gar nicht so genau sagen, inwiefern ich mich selbst verändert habe. Ob ich die Dinge jetzt anders sehe oder anders denke. Aber ich weiß, dass jeder Tag in Neuseeland eine Erfahrung ist, die mir einfach keiner nehmen kann, und die ich niemals missen möchte.

Sarah



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