Donnerstag, 14. Dezember 2017
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Mein Leben in der Türkei

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin: 
Fabio Z. - Türkei

Stipendium gestiftet durch:
Youth for Understanding





Juli 2011
Es ist vorbei.
Und ich bin seit zwei Wochen wieder in meiner Heimat (1).
Physisch jedenfalls, ob mein Kopf schon so richtig wieder hier in Dortmund angekommen ist, das weiß ich selber noch nicht so genau.

Zur zweiten Hälfte meines Austauschjahres in der Türkei:
Nach dem Mittelseminar im Februar in Istanbul ging es nun nach Ankara. Es war komisch, in die Schule zu gehen, hatte ich die letzten beiden Wochen doch so viel um die Ohren gehabt. Doch die Zeit, in der ich viel zu Hause verbracht habe, sollte sich nun ändern. Denn bereits vor den Ferien hatten wir Informationen von einem Zentrum erhalten, das uns die Möglichkeit gab, an Kursen verschiedenster Art teilzunehmen. Ich entschied mich für Tango, Gitarre und Baglama.

Das Gefühl, nach der Schule feste Termine zu haben, und andere Menschen zu treffen, war gut. Und ich wurde auch tatsächlich nicht enttäuscht.
Die ersten Schulwochen waren etwas zäh, doch meine Kurse und die Menschen, die ich dort traf, heiterten mich auf. Im Tangokurs waren wir so einige Leute, und es war lustig, sich mit ihnen quasi auf der „Sprache“ des Tanzens zu verständigen. Meine Türkischkenntnisse bis hier hin waren zwar ausreichend für das tägliche Leben, aber Begriffe für den Tango waren mir noch nicht bekannt. So verständigten wir uns oft eben anders, nämlich mit Händen und Füßen, wie es so schön heißt.
Mein Wunsch, Gitarre zu spielen war nicht erst in der Türkei aufgekommen und so freute ich mich sehr über den Unterricht, in dem ich auch wieder neue nette Leute kennen lernen durfte.

Und dann gab es noch ein zweites Instrument, das ich begonnen habe zu spielen, die Baglama. Ein türkisches Instrument, quasi wie eine Gitarre, nur mit sieben Saiten. Am Anfang war es echt nicht leicht, dieses Instrument zu spielen, doch mit der Zeit hat es richtig viel Spaß gemacht!
Mit meinen neuen Freizeitbeschäftigungen im Gepäck startete ich also die zweite Hälfte meines Austauschjahres. Und plötzlich bemerkte ich, dass sich etwas verändert hatte. Ich hatte plötzlich einen Alltag. Anfangs war ich immer der Auffassung gewesen, alles so gut wie möglich umsetzen zu müssen, nun war es einfach mein alltägliches Leben, das mit kleinen Aufgaben, Hindernissen und Erlebnissen auf mich wartete, tagein, tagaus. Das zu akzeptieren war wohl eines der schwersten Dinge in der ersten Hälfte gewesen. Und plötzlich, als ich begann, es nicht groß ändern zu wollen, klappte alles etwas besser, und ich fühlte mich zunehmend wohler. Und so verging Woche für Woche, und ich fragte mich oft, wie die Zeit so rasen konnte. Und doch war es wirklich. Jeden Montag stieg ich in meine Uniform, noch etwas verschlafen ging es dann in den Schulbus, in der Schule wurde die Nationalhymne gesungen und meine Woche begann. Dienstags nach der Schule ging es dann für mich zum Baglamakurs, donnerstags hatten wir Gitarrenunterricht und samstags gingen wir zum Tangotanzen.

So verstrich viel Zeit, und ehe ich mich versah, ging es schon schnurstracks auf das Ende meines Austauschjahres zu. Ich hatte vorgehabt, zu reisen, und so machte ich mich an die Arbeit und überlegte, wohin mich die Reise führen könnte. In den letzten Monaten hatte ich dann die Möglichkeit, nach Antalya, Pamukkale, Kappadokien und Aksaray zu reisen. Es waren wohl die besten Monate meines Austauschjahres. Die Menschen auf die wir in diesen touristischen Städten trafen, sprachen uns auf Englisch und Deutsch, bzw. Französisch an, und wir antworteten ihnen auf Türkisch. Die Leute dort waren meist erstaunt darüber, dass wir in so kurzer Zeit türkisch gelernt hatten und fragten uns über unser Austauschjahr und alle Hintergründe aus. Sie fragten uns auch aus über die in Deutschland lebenden Türken und wie unser Verhältnis untereinander ist. Und dann fingen sie an zu erzählen, von ihrem Leben und dem Geschäft mit den Touristen, von Zielen und Träumen. Man saß dann eben zusammen mit einem Cay (Tee) und redete über Allah und die Welt. Diese Reisen haben mir noch einmal ein ganz anderes Bild der Türkei gezeigt und ich hatte unheimlich Spaß daran, dieses zu entdecken. Die Leute waren so aufgeschlossen und freundlich, und wir verbrachten eindrucksvolle Tage in diesen Städten.

In Pamukkale hatten wir die wundervolle Chance eine türkische Hochzeit mit zu erleben. Es waren hunderte Gäste geladen und alles war fein geschmückt, es wurde gegessen, gelacht, aber vor allem wurde getanzt. Gäste die aus der gleichen Region der Türkei stammten, kamen zusammen und tanzten die traditionellen Tänze der Türken. Es war unheimlich interessant, ihnen dabei zu zusehen, und nachher sogar selbst mit zu tanzen. Eine wirklich tolle Erfahrung!
Am Ende unseres Austauschjahres fand in Kappadokien unser Endseminar statt und hier bekamen wir vor allem etwas von der tollen Landschaft der Türkei zu sehen. Wir machten eine große Tour mit einem Minibus über Berg und Tal. Die Menschen waren unheimlich freundlich und es wartete eine atemberaubende Landschaft auf uns.








Die wohl interessanteste Zeit hatte ich aber wohl in meinem letzten Urlaub in Aksaray, einer mehr ländlichen Gegend, zentral in der Türkei gelegen. Hier besuchten wir meine Gastgroßeltern für drei Tage. Es war unheimlich spannend den Unterschied zwischen Großstadt und ländlichem Leben zu sehen, meine Gastmutter war noch auf dem Land aufgewachsen, hatte aber den Sprung in die Stadt in eine quasi fast schon andere Welt geschafft. Ich traf viele Menschen in diesen drei Tagen, die mir viele Fragen stellten und mir auch gespannt zuhörten. Aber auch ich fragte viel, über die Vergangenheit meiner Gastfamilie und es wurden alte Fotoalben aus den Regalen geholt. Ich hatte riesig Spaß daran, von meiner Gastoma zu hören, wie sie aufgewachsen war, dass sie mit 16 einen für sie fremden Mann geheiratet hatte. Und auf der anderen Seite saß ihre Tochter, meine Gastmama, die ihren Ehemann im Internat und auf der Uni kennengelernt und sich in ihn verliebt hatte. Die Nachbarn meiner Gastgroßeltern erzählten mir Geschichten von ihren Töchtern und Söhnen, die vor Jahren nach Deutschland ausgewandert waren und dort verheiratet seien.  Manche waren selbst erst vor ein paar Jahren wieder in ihr Dorf zurückgekehrt, nachdem sie mehr als zwanzig Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet hatten. Die Menschen waren unheimlich freundlich zu mir und beantworteten mir meine Fragen, die ich hatte, bereitwillig, aber auch sie waren unheimlich interessiert an mir und meinem Leben. Dieser Austausch fand zwar nur drei Tage statt, und doch vermisse ich dieses Dorf meiner Großeltern. Ich weiß, dass ich auf jeden Fall zurückkehren möchte!

Die letzten Tage in der Türkei waren verständlicherweise auch ein wenig komisch, ich war kurz davor, das Land zu verlassen, an das ich mich in den letzten 11 Monaten gewöhnt hatte. Doch war ich auch glücklich, in den nächsten Tagen meine Familie und Freunde aus Deutschland wieder sehen zu dürfen. Irgendwo zwischen diesen Gefühlen durfte ich dann meinen Koffer packen, das war tatsächlich ein ganz komisches Gefühl, das ganze Zimmer sah plötzlich wieder so aus, als wäre ich gerade erst angekommen, und irgendwie hatte ich auch das Gefühl, doch gerade erst angekommen zu sein. Doch es war vorbei. Am Morgen des 30. Juni ging es für uns Austauschschüler mit dem Flugzeug von Ankara über München nach Berlin.

Dort trafen wir für fünf Tage auf weitere 400 Austauschschüler, deren Heimat- und Gastland innerhalb Europas lag. Es war toll, so viele Leute mit der gleichen Erfahrung aus den letzten Monaten zu treffen, und auch alte Freunde von meiner VBT und auch meine beste Freundin traf ich auf diesem riesigen Event wieder.
Letztendlich nach Hause zu kommen war komisch und doch schön. Alle alten Bekannte und auch die noch so präsenten Umgebungen wieder zu sehen war einfach wunderschön und hat mir ein unheimlich gutes Gefühl gegeben. Den ersten Döner habe ich dann natürlich auch auf Türkisch bestellt und natürlich wurde ich als aller erstes komisch angeguckt, aber dann wurde mir auch auf Türkisch geantwortet, und ich durfte meine Geschichte erzählen, wie es mich in die Türkei verschlagen hat und wie es war. Und doch merkt man, die Leute freuen sich, dass man ihre Muttersprache spricht, und ich glaube, ich werde immer mehr Gründe finden, warum sich dieses Auslandsjahr für mich gelohnt hat, und dabei gibt es da doch schon so einige!

Wieder zurück zu sein mag im ersten Moment einfach nur komisch sein, aber mir macht es gleichzeitig auch jede Menge Spaß, neu zu entdecken, was mir in diesem Jahr so gefehlt hat, ich genieße Dinge auf eine ganz andere Art und Weise und doch ist immer noch alles so vertraut.
Ich bin einfach froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Es war nicht immer ganz  leicht, aber gerade auch diese Phasen, in denen es etwas zäher gelaufen ist, haben mich gestärkt und mir Mut gemacht. Ich sehe die Welt plötzlich mit anderen Augen. Ich habe das Gefühl, dass wir eigentlich gar nicht so unterschiedlich sind, wie immer alle denken, denn Mensch, das sind wir alle, und wenn wir uns gegenseitigen Respekt schenken , ist es gar nicht so schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Man muss nur einmal seinen eigenen Schweinehund überwinden. Es muss ja nicht gleich eine Reise in ein anderes Land sein…

Euer Fabio