Montag, 11. Dezember 2017
Herzlich Willkommen bei Weltbürger-Stipendien!

Du befindest dich hier: weltbuerger-stipendien.de » WELTBÜRGER-Stipendiaten » Tim S. (Kanada)

Ein Schuljahr in Kanada

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiat
Tim S. - Kanada

Stipendium gestiftet durch:
GLS



 

Ich habe über 10 Monate in Kanada verbracht, ein ganzes High-School Schuljahr und noch einen Teil der Ferien. Es hat mir super gut gefallen, war eine wahnsinnige Erfahrung und hat ganz viel Spaß gemacht. Ich habe sehr viele Freundschaften geschlossen, sowohl zu anderen ausländischen Austauschschülern aus vielen verschiedenen Ländern, als auch zu vielen Kanadiern. Gelebt habe ich in Kelowna, einer Stadt mit ca. 100000 Einwohnern, also für kanadische Verhältnisse schon ziemlich groß. Kelowna liegt in der Provinz British Columbia, an einem See und relativ nahe zu einem großen Skigebiet.


Während dieser Zeit in Kanada sind mir sehr viele Unterschiede zu Deutschland aufgefallen, in kultureller Sicht wie auch im Bildungssystem und in ganz alltäglichen Dingen.


Einige davon betreffen ganz normale Dinge wie Busfahren. In Deutschland ist es vor allem bei jungen Leuten üblich bei Strecken innerhalb der Stadt den Bus, die Straßen- oder U-Bahn zu benutzen. Um naheliegende Städte zu erreichen oder auch um zu reisen kann man ebenfalls öffentliche Verkehrsmittel nutzen. In Kanada ist das in kleineren Städten fast nicht möglich. In Kelowna zum Beispiel gibt es nur ein paar Buslinien. Diese werden meistens nur von Schülern vor und nach der Schule benutzt. Abends z.B. fährt überhaupt kein Bus mehr und die Busse fahren auch nicht durch die ganzen Wohngebiete, so dass man auch wenn man einen Bus nutzen möchte, teilweise recht weit bis zu einer Haltestelle laufen muss. In Kanada haben schon sehr viele Jugendliche Autos und nutzen diese als Fortbewegungsmittel. Den Führerschein kann man dort mit 16 Jahren machen, dann darf man 12 Monate nur mit Begleitung fahren. Anschließend muss ein erneuter Test gemacht werden und danach darf man unbegleitet fahren, darf aber nur eine Person, die nicht zur Familie gehört, mitnehmen. Das gilt dann wiederum 24 Monate bis alle Einschränkungen entfallen. So ist es jedenfalls in British Columbia. Die Führerscheinbedingungen sind Provinzangelegenheiten und es kann in anderen Provinzen andere Bedingungen geben. Oft werden Fahrgemeinschaften unter Freunden gebildet, und da das Benzin verglichen zu Deutschland  sehr billig ist, können es sich auch Jugendliche leisten.


Ein zweiter großer Unterschied ist der, dass in Kanada sehr viel mehr Jugendliche neben der Schule Jobs haben. Teilweise in richtigen Firmen oder einfach nur beim Fast-Food Restaurant um die Ecke. Meistens arbeiten sie auch nur zwei bis dreimal die Woche, um sich wenigstens etwas Taschengeld zu verdienen. Es ist viel leichter als Schüler einen Job zu bekommen als in Deutschland und sich etwas Geld zu verdienen.


In Kelowna habe ich sehr oft gemerkt wie arm viele Kanadier sind. Die meisten meiner kanadischen Freunde konnten im Winter nicht Ski oder Snowboarden gehen, obwohl das Skigebiet so nah war. Meistens mussten sie lange sparen um mal abends weg zu gehen oder tagsüber etwas zu unternehmen. Ich bin deswegen eigentlich nur mit anderen deutschen und mexikanischen Austauschschülern Skigefahren. Ich finde es sehr schade für meine kanadischen Freunde, dass sie ein so tolles Skigebiet quasi um die Ecke haben und es sich nicht leisten können. Denn das Skigebiet war wirklich toll, viel größer als ich es aus Österreich kenne und mit vielen nicht präparierten Pisten. Es gibt nur wenige Pisten, die täglich präpariert werden, aber ansonsten darf man überall fahren. Ich bin sehr oft einfach in den Wald gefahren und fast überall trifft man auf eine Art Piste die durch das Waldstück führt, und die sich gebildet hat, weil schon viele andere dort langgefahren sind. Im Wald fing der Spaß erst richtig an. An besonders steilen Stücken gab es zum Beispiel Felsen die als natürliche Rampe dienten. Am spannendsten war es außerhalb des Skigebiets zu fahren. An den letzten Tagen sind wir öfter sogar noch höher gelaufen, als die Bergstation des höchsten Lifts liegt. Unser Skigebiet lag an einem riesigen Tal. Viel größer als alle Täler in Deutschland. Ich war es gar nicht gewohnt so viel unberührte Natur zu sehen. Da ich während der Skisaison jedes Wochenende hochgefahren bin, und auch während der Winter und Osterferien fast jeden Tag, konnte ich sehr viel besser Skifahren lernen als ich es in Deutschland je gelernt hätte. Wenn man so dicht an einem Skigebiet wohnt, ist Skifahren nicht mehr Urlaub, sondern mehr eine Sportart. Man trainiert neue Sachen und wird dadurch immer besser. Gegen Ende hin habe ich sogar an zwei Festivals teilgenommen. Leider konnte ich nicht gegen die Kanadier gewinnen.


Auch ansonsten gibt es große Unterschiede in den Freizeitaktivitäten. In Kanada läuft alles sehr spontan ab. Bei mir kam es nie vor, dass ich mich eine Woche vorher verabredet habe. Ich wurde oft abends um 9h angeschrieben, ob ich denn vorbei kommen wollte. Wenn ich Freunde traf, haben wir eigentlich nie etwas gemacht, das Geld kostet. Meistens haben wir uns einfach in einem Park, am Strand, downtown oder an der Schule getroffen. Parks sind in Kanada sehr schön angelegt. Es gibt mindestens fünf in jedem Stadtteil und die meisten sind sauber und haben Bänke. Nur sehr wenige Parks sollte man meiden, wegen zu viel Drogenkonsum oder Gewalt. Da Kelowna an einem großen See, dem Lake Okanagan liegt, gibt es dort sehr viele Strände. Mir hat der Strand downtown am Stadtpark am besten gefallen, weil er ziemlich groß ist, aber trotzdem nicht von zu vielen Menschen besucht wird. Man hat dort vor allem abends seine Ruhe. Auch andere Strände waren schön. Oft bin ich mit Freunden zu dem von Jugendlichen am meisten besuchten Strand gefahren, der aber sehr laut, voll und eng ist. Dafür gibt es dort einen großen Wasserspielplatz, mit Wassertrampolin Rutschen und kleinen Inseln mit Sprungbrettern weiter draußen auf dem See. Bei einem anderen Strand downtown gab es sehr oft Konzerte. Sogar berühmte DJs wie Afrojack konnte ich sehen. Downtown hat Kelowna generell sehr viel zu bieten. Es gibt dort sehr viele Parks, die einzigen großen Hotels in Kelowna, viele Läden, Fast-Food Ketten, und Restaurants. Außerdem gibt es Skateparks und lange Strecken zum Longboarden.


Meine Schule dort hat mir sehr gut gefallen! Da wir eine Football-Mannschaft hatten, gab es zwei Football-Felder und viele Bänke auf dem Schulhof. Dort war ich sehr oft mit Freunden weil die Schule für die meisten am einfachsten zu erreichen ist.


Die Schulen in Kanada sind anders als deutsche Schulen. Angefangen damit, dass man nur ca. 4 Fächer pro Halbjahr hat. Diese Fächer sind in der Regel keine akademischen Schulfächer. Es gibt ein großes Angebot an Fächern, die in Deutschland - wenn überhaupt - als AG’s angeboten werden. An meiner Schule gab es z.B. Metal Work, Wood Work, First Nations, Acting & Drama, Film Production, Forestry, Marketing, Weg Page Design, Communication und vieles mehr. Ich hattel im ersten Halbjahr Electronics. Ein Fach in dem man viel über kleine Schaltkreise lernt und auch selbst baut. Im zweiten Halbjahr hatte ich Foods, also Kochen und Ernährungslehre, Outdoor Education, so etwas wie Sport, aber draußen und mehr mit Natur (z.B. Klettern, Schneeschuhlaufen), und Auto Mechanics. Mechanics hat mir am besten gefallen. Meine Schule hatte eine richtige Autowerkstatt mit 3 Hebebühnen. Lehrer und Schüler können für Reifenwechsel, Ölwechsel und andere kleine Aufgaben ihre Autos dort hinbringen und die Schüler erledigen das. Am meisten Spaß gemacht hat es mir, dass wir ein altes, verrostetes Auto auseinandergenommen haben. Dabei habe ich sehr viel über Autos und Motoren gelernt. Ich fand diese Fächer total klasse, denn hier habe ich Dinge gelernt, die ich in Deutschland nie lernen würde, außer in einer Ausbildung. Und es waren Dinge, die man im täglichen Leben immer wieder gebrauchen kann.


Der Schulunterricht ist so aufgeteilt, dass es immer nur zwei Fächer pro Tag gibt. Eins von 9 bis 11:40, und das Zweite von 12:40 bis 3:10. Am Anfang war die Umstellung für mich sehr schwer, weil ich es nicht gewöhnt war 2½ Stunden am Stück Unterricht zu haben. Allerdings machen die meisten Lehrer sehr lockeren Unterricht, was das ganze einfacher macht. In Spanisch zum Beispiel waren wir nur 10 Schüler und wir saßen meistens vorne auf den Tischen und haben mit dem Lehrer geredet wie mit einem Freund. In Social Studies mussten wir jede Stunde Rollenspiele üben und vorführen, bei denen wir zum Beispiel Szenen aus dem Geschichtsbuch nachstellten. Ganz anders war Mathe. Wir mussten die ganze Zeit still sitzen, haben alleine an unseren Aufgaben gearbeitet und anschließend am Projektor verglichen. Für mich auch eine ganz neue Art von Unterricht war Physik. Wir hatten das ganze Material für das komplette Semester online. Es gab immer Videos und Texte die die Themen erklärten, und anschließend Aufgaben dazu. Allerdings durften wir uns selbst aussuchen in welcher Reihenfolge wir die Themen abarbeiten. Außerdem durften sich alle miteinander unterhalten und als kurze Pause Spiele am Computer spielen oder Musik während dem Unterricht hören. Ich fand das sehr interessant, denn obwohl wir auf uns allein gestellt waren, und so gut wie keine Hilfe vom Lehrer bekamen, ist keiner durchgefallen.


Ein anderer Unterschied an der Schule war, dass die Lehrer ihre eigenen Räume hatten, und sie so einrichten konnten wie sie wollten. In Spanisch hatte der Lehrer die Wände voll mit Postern, Karten und Fahnen von Spanien und Südamerika gehängt. Im Physikraum waren Formeln an die Wände geschrieben und in Foods Rezepte. Außerdem war in jedem Raum ein Fernseher, auf dem Uhrzeit und Datum angezeigt wurde. Zusätzlich liefen alle Neuigkeiten als eine Art Abspann durch, sowie Informationen zu Unterricht und Ausflügen.


Das Leistungsniveau der Schulen in Kanada, zumindest dort wo ich war, ist allerdings sehr viel niedriger als in Deutschland. Das habe ich vor allem in Mathe und Business Education gemerkt. In Mathe für die elfte Klasse wurden Themen als schwer eingestuft, die in Deutschland manchmal schon in der siebten Klasse drankommen. In Business Education lernt man mit Programmen wir Word, Excel und PowerPoint am Computer zu arbeiten. In Deutschland habe ich das in der fünften Klasse gelernt und sofort verstanden. Es war merkwürdig zu sehen, das 16-18jährige noch nicht mit Computern umgehen konnten.


Insgesamt war die Zeit in Kanada für mich die interessanteste Zeit meines Lebens und es war toll, dass ich das erleben durfte. Ich kann nur jeden dazu ermutigen, auch eine Zeit seiner Schulzeit im Ausland zu verbringen.



Weitere Informationen zu Tim, seiner Bewerbung und seinem Auslandslandsaufenthalt
- Der Fotoblog von Tim auf der GLS Homepage