Dienstag, 22. August 2017
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Die nationale Identität der Briten
mit Fokus auf England

 

Dritter Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Christine U.
Stipendium gestiftet durch:
GLS



Schüleraustausch England



Nachdem ich nun schon über ein halbes Jahr in England verbracht habe, ist mir klar geworden, dass sich die Briten als ganz individuell sehen. In meinem Medienunterricht habe ich gelernt, dass die nationale Identität eigentlich nichts anderes ist, als eine in unserer Vorstellung existierende Gemeinschaft, die auf einer übereinstimmenden Meinung darüber, was es heißt zu dieser Gruppe zu gehören, gründet.

 

Was heißt das also im Klartext?


Die nationale Identität einer Gruppe ist durch unsere Vorstellung von gemeinsamen Werten und Normen geschaffen. Da jeder jedoch alles anders wahrnimmt, variiert dieses Bild von Mensch zu Mensch und dadurch erfährt jeder seine nationale Identität auf eine andere Weise. Für einige mag sich dies durch das Alter, das Geschlecht, die Familie, das soziale Umfeld, die Geschichte oder bestimmte berühmte Sehenswürdigkeiten ausdrücken. Klar ist jedoch, genau so wie die eigene Identität zu finden, ist es sehr kompliziert die eigene nationale Identität zu definieren, da wir heutzutage durch das Internet und andere moderne Medien zunehmend auch von anderen Kulturen und Nationen beeinflusst werden.

 

Für England habe ich aufgrund meiner Erfahrungen in meinem Schüleraustausch in Abingdon in der Nähe von Oxford folgende Erkenntnisse über die britische nationale Identität gemacht. Die Briten selbst beschreiben sich mit den typischen Vorurteilen, mit denen sie auch bei uns Ausländern behaftet sind, wenn sie danach gefragt werden, was für sie „typisch britisch“ ist:

 

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  Sie beschweren sich über das Wetter: Entweder, es regnet zu häufig oder es ist zu warm, wenn denn mal die Sonne scheint

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  Sie stellen sich immer und überall sauber in Reih und Glied an, was ich vor allem an den Bushaltestellen täglich beobachte

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  Sie lieben „typisch britisches“ Essen wie Fisch and Chips, Roast Dinner und den Afternoon Tea mit Scones

 

Das ist keine große Überraschung, denn dafür sind sie auch in der Welt am bekanntesten. Was mich jedoch überraschte, ist, dass sie sich nicht als ein Teil Europas sehen. Wenn etwas über Frankreich oder Deutschland in den Nachrichten ist, vor allem über das Reisen, dann kann man sicher sein, dass sie sich über die Freiheiten und Verknüpfungen in „Europa“ wundern. „Ja, in Europa ist es ja auch so und so“ bekommt man dann zu hören.

 

Dies lässt sich auf die „Inselmentalität“ zurückführen. Obwohl der Staat in Europa liegt, wo über die Jahrhunderte immer wieder Kriege um Land stattgefunden haben, wurde Großbritannien das letzte Mal 1066 von den Franzosen eingenommen. Als Insel waren sie nicht so leicht anzugreifen wie Staaten auf dem Festland, da Angreifer schon früh sichtbar waren. Ab dem 18. Jahrhundert fing dann das Britische Imperium an, zu wachsen, sodass Großbritannien 1900 die größte Navy der Welt besaß.


Durch die Kosten der beiden Weltkriege schrumpfte dies jedoch zusammen und führte schließlich zu der Bildung des Commonwealth. Nun ist der Inselstaat wieder mehr oder weniger für sich allein im Vergleich zu dem Imperium um 1900. Diese Entwicklung könnte Auslöser der strengen „Inselmentalität“ gewesen sein. Wenn man also denkt, England wäre einfach ein Teil Europas und wir wären alle eine große Gemeinschaft, dann wird man enttäuscht werden.

 

Obwohl diese Denkweise zunächst vielleicht für Deutsche befremdlich klingen mag, hat sie auch ihre guten Seiten: Sie gibt den Engländern zum Beispiel Sicherheit. Wenn man in England auch als Europäer einreist, wird der Personalausweis auf das Genaueste kontrolliert. Was für uns Reisende etwas langwierig und übervorsichtig erscheint, macht aus der Sicht der Engländer großen Sinn. Vor allem nach den Angriffen auf die französischen Karikaturisten, haben die Engländer Angst, dass sie als Nächstes an der Reihe sein könnten. Da sie seit 1066 aber nicht von fremden Truppen übernommen wurden und demnach kaum Erfahrung mit der Gefahr von außerhalb in ihrem Land haben, ist es für sie nur logisch, sich von der Bedrohung abzugrenzen.

 

Auch als Austauschschüler macht man üblicherweise die Erfahrung, dass es schwierig ist, mehr als oberflächliche Beziehungen mit den englischen Mitschülern zu führen, da sie doch eher unter sich bleiben und ihre Freundesgruppen normalerweise nicht verlassen.

 

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch solche Briten, die sich sehr für andere Kulturen interessieren und ich habe erfreulicherweise die Möglichkeit, viel Zeit auch mit diesen Menschen zu verbringen, da ich der „Oxford University Japan Society“ beigetreten bin. Die Universität von Oxford beherbergt jedes Jahr viele ausländische Studenten und vergibt auch viele Stipendien für Ausländer. Demnach ist es also nicht so, dass die Engländer nach dem Motto „Wir bleiben nur unter uns“ handeln, sondern auch durchaus kulturelle Vielfalt in ihrem Land wünschen. Diese Austauschstudenten sind natürlich auch von der englischen Wirtschaft erwünscht, da sie Geld und Potential für spätere hoch qualifizierte Arbeiter darstellen.

 

In der japanischen Gesellschaft der Universität von Oxford sind unzählige Nationalitäten unter den Mitgliedern vertreten, nicht nur Europäer, sondern auch Asiaten und Amerikaner und die Engländer dort akzeptieren jeden so, wie er ist. Ich könnte mir vorstellen, dass dies auf ein höheres Maß an Reife der Studenten im Gegensatz zu den 16- bis 17-jährigen Jugendlichen in der Schule zurückzuführen ist. Außerdem haben die meisten der Studenten selbst bereits ein Jahr im Ausland verbracht und sind deshalb vertrauter mit anderen Kulturen und demnach vermutlich auch offener.

 

Über die Position der Briten gegenüber Europa lässt sich also festhalten, dass zwar generell ein Gefühl der teilweisen Abgrenzung herrscht, jedoch das genaue Gegenteil von großer Gastfreundlichkeit und Offenheit auch vorhanden ist. In dieser durch die modernen Medien ständig vernetzten Welt wäre eine komplette Abschottung vor allem in Europa auch mit einem Todesstoß für die Wirtschaft gleichzusetzen, weshalb die Briten ihre attraktiven Aspekte wie ausgezeichnete Universitäten und historische Sehenswürdigkeiten sehr gut generell zu ihrem Vorteil nutzen und Auswärtige in diesen Bereichen äußerst willkommen sind.

 

Nun, nachdem der Standpunkt der Briten in der Welt und ihre Sicht auf Ausländer in ihrem Land betrachtet wurden, möchte ich mich Themen der britischen nationalen Identität widmen, die im Alltag deutlich werden, wenn die Briten unter sich sind.

 

Die weltberühmten Pubs gehören zu dem Erwachsenenleben dazu. Nach der Uni oder nach der Arbeit trifft man sich dort mit Freunden oder Kollegen auf ein Bierchen und meistens auch auf eine warme Mahlzeit. Hierbei spielt der soziale Faktor die wichtigste Rolle und die Beziehungen zwischen den Menschen werden aufgebaut, beziehungsweise verstärkt. Wenn man jedoch nicht auswärts isst, weil das Essen in den Pubs nach allgemeiner Meinung nicht das Beste ist und noch dazu einen hohen Preis schlägt, ist man mit der Familie daheim oder im Wohnheim abends das „Dinner“.


Da Engländer üblicherweise mittags nicht warm essen, außer teilweise Schüler in den Schulen, deren Eltern abends keine Zeit zum Kochen haben, ist die Hauptmahlzeit das Abendbrot. Nach traditionellem Standard wird häufig „meat and two veg“, also Fleisch und zwei Arten Gemüse serviert. Diese Variante des „Roast Dinner“ besteht im Detail dann aus „gravy“, also einer Soße aus dem Fleisch Fond, typisch englischen Gemüsesorten wie Kartoffeln, Möhren, Erbsen oder Kohl und dem Braten. Am Sonntag Mittag wird dies jedoch auch häufig in ausgedehnter Variante serviert, mit mehr Auswahl an Gemüse und an anderen Beilagen wie den „Yorkshire Puddings“.

 

In den letzten Jahren sind indische Gerichte und Pasta in den englischen Küchen heimisch geworden, jedoch greifen auch viele Familien auf das „Take away“ von einem Fastfood Restaurant zurück, wenn keine Zeit zum kochen ist. Wenn man bedenkt, dass das Essen in England weltweit keinen guten Ruf hat, muss man sich also auch nicht wundern, warum die Engländer nicht so wählerisch mit ihren Mahlzeiten sind.

 

Außerdem ist Tee nicht mehr wirklich das Kultgetränk der Engländer, dass es einst war. Häufig wird anstatt einer Tasse Tee morgens nach amerikanischem Vorbild auf Kaffee umgestiegen und bis jetzt habe ich auch nur Touristen den englischen Afternoon Tea zelebrieren sehen. Diese Traditionen haben sich aus praktischen und zeitlichen Gründen im modernen Alttag nicht halten können.

 

Schüleraustausch England

 

Des weiteren spielt die englische Königsfamilie, welche international als DAS Wahrzeichen für Großbritannien gilt, im Alltag der meisten Leute kaum eine Rolle und auch der Big Ben oder das London Eye stehen nicht im Fokus der Engländer als etwas, was sie selbst gerne besichtigen würden, weil London als Hauptstadt Englands praktisch nur als Arbeitsort von vielen Pendlern gesehen wird, oder als gute Möglichkeit zum Einkaufen für Jugendliche.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die nationale Identität der Briten bzw. Engländer stark von der „Inselmentalität“ bestimmt wird, die sie sich als eine Einheit umgeben von Europa sehen lässt. Viele Traditionen wie das ausgedehnte Roast Dinner sind nur noch selten vollständig vorhanden und den berühmten 4 Uhr Tee hält auch so gut wie niemand. Großbritannien wird immer internationaler, was sich auch in der Küche wieder spiegelt, in der sich indisches Essen großer Beliebtheit erfreut.


Trotzdem kann man DIE nationale Identität der Briten nicht genau bestimmen, da sich jeder selbst definieren muss und sich nach seinen Erfahrungen anders sieht, jedoch sind dies Punkte, an denen sich der Alltag der meisten Menschen orientiert, sodass dies gemeinsame Werte sind, die in der Gesellschaft vorherrschen.

 

Abschließend möchte ich mich bei dem unabhängigen Bildungsberatungsdienst „weltweiser“ und bei GLS für mein Teilstipendium bedanken, das mir diese tollen und wertvollen Erfahrungen als „Weltbürger“ erst ermöglicht hat.

 

verfasst von Christine Urbansky für den Weltbürger Stipendiumsbericht 2014-2015