Dienstag, 22. August 2017
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Woodworking & Drama in B.C. 

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin: 
Florine H. - Kanada

Stipendium gestiftet durch:
DFSR - Dr. Frank Sprachen und Reisen






Februar 2011

Im Grunde wollte ich schon immer ein Auslandsjahr machen. Und ich war überglücklich, als vor einigen Monaten aus diesem Traum Schritt für Schritt Realität wurde. Die Auswahl des Ziellandes war selbstverständlich eine der ersten Dinge, mit denen ich mich auseinander gesetzt habe. Kanada hatte mich schon sei langem fasziniert und es schien sowohl gute Schulen als auch atemberaubende Natur zu versprechen. Außerdem war es mir sehr wichtig ordentlich Englisch zu lernen.

Nachdem es feststand, wo ich hingehen würde wartete ich fieberhaft darauf Unterlagen meiner zukünftigen Gastfamilie und Schule zu bekommen und meine Kurse wählen zu können. Im Sommer fing ich langsam an Skisachen usw. zusammen zu suchen. Bis dahin war ich voll reiner Vorfreude, während der letzten Tage in Deutschland wurde ich dann allerdings doch ein wenig aufgewühlt von der ganzen Warterei schließlich abzufliegen, Verabschiedungen und natürlich Koffer packen. Letzteres war eindeutig eine ganz schöne Herausforderung; wenn Gastgeschenke, Klamotten, ein großer Haufen deutscher Süßigkeiten – die hier übrigens tatsächlich sehr gut ankommen - und und und zusammen kommen, erscheinen zwei Reisetaschen plötzlich ziemlich klein. Nun, nach ewigem hin und her sortieren war schließlich doch alles verpackt und reisefertig, einschließlich mir selbst.

Und dann war es auch schon so weit. Am 2. September war endlich der große Tag: es ging auf nach Kanada! Ich weiß noch genau wie unglaublich glücklich ich beim Abflug war, aber auch gespannt: „Was erwartet mich wohl dort drüben? Hoffentlich wird mich meine Gastfamilie mögen. Wie werde ich in der Schule zurecht kommen?“.

Einige Stunden später war landete ich dann endlich in Kamloops, meinem zu Hause auf Zeit im Süden der Provinz British Columbia. J

Die Aufregung vom Flug hielt die ersten zwei Wochen wohl noch etwas an. Und zu Anfang kam mir alles einfach viel Größer vor als in Deutschland; die Supermärkte, Straßen, Trucks und besonders die Landschaft. Mittlerweile  habe ich mich natürlich daran gewöhnt. Einerseits unterscheidet sich der Alltag in B.C. nicht gravierend von meinem vorherigen einige tausend Kilometer entfernt, aber trotzdem ist es hier ganz anders. Ich finde es  fantastisch an dauernd etwas neues kennen zu lernen.

Ein Beispiel dafür ist Thanksgiving. Zum Festtagsdinner hatten wir gemeinsam mit den Großeltern ganz traditionell Turkey, Preiselbeersoße und Pumpkin Pie (Mhhh!). Auf diesen Feiertag hatte ich mich schon gefreut seit ich wusste, dass ich nach Kanada gehen würde, da es das in Deutschland ja schließlich überhaupt nicht gibt. Nun, es war dann zwar nicht ganz so besonders, wie ich es mir Vorgestellt hatte, aber trotzdem schön es selbst erlebt zu haben.

Weihnachten dagegen war enorm! Die meisten Häuser und Vorgärten waren seit Ende November mit vielen bunten Lichtern in Form von Schneemännern, Santa Claus‘, Eiszapfen usw. beschmückt. Ich habe sogar einmal einen gigantischen blinkenden Kaktus gesehen ; ). Auch Weihnachtsbäume wurden gerne mit einer ganzen Ladung von Dekoration ausstaffiert. An Christmas Eve kam die ganze Großfamilie zusammen. Es gab traditionelle ukrainische Spezialitäten, da Grandpa’s Vorfahren aus der Ukraine stammen.  Später am Abend war mein jüngster Gastbruder total aufgeregt, da er sich sicher war auf dem Heimweg Rudolfs rote Nase (eigentlich ein Signallicht für Flugzeuge) ganz in der Nähe ausfindig gemacht zu haben. Er ist an diesem Tag  zum ersten Mal freiwillig sofort ins Bett gegangen, um auf jeden Fall von Santa Geschenke zu bekommen. J Ich  habe dann selbst vorm schlafen gehen einen Teller mit Cookies neben den Kamin gestellt. Früh am Morgen des 25. wurden, noch im neuen Schlafanzug, gemeinsam Geschenke ausgepackt. Santa hat uns auch allen einen prall gefülltenWeihnachtsstrumpf gebracht. Nachmittags ging es zu den Grandparents, wo sich der Großteil der Familie wieder traf. Es wurde viel erzählt, gegessen, Würfel-, Karten- und Videospiele gespielt und es war ein wunderbarer Feiertag! Am Boxing Day sind wir für ein paar Tage zu den anderen Groß- und Urgroßeltern (von Dad’s Seite) gefahren, die etwa 4 Stunden von Kamloops  leben – also aus kanadischer Perspektive gar nicht so weit entfernt.

Meine Gastfamilie ist für mich einer der bedeutendsten Parts meines Aufenthaltes. Mit meinen Gasteltern und meinen drei Gastbrüdern Dayton (8), Tukker (12) und Drake (14) verstehe ich mich sehr gut. Und auch alle anderen, besonders Großeltern, Onkel Randy und die Cousins sind mir sprichwörtlich  echt ans Herz gewachsen. Meine ‚zweite‘ Familie hat mich vom allerersten Tag an voll integriert. Das hat mir beim Einleben sicherlich sehr geholfen. Und eigentlich habe ich mich in Kamloops auch schon gleich nach der Ankunft zu Hause gefühlt, jedoch hat es etwas gedauert, bis ich so richtig ‚angekommen‘ bin. Deshalb bin ich auch unglaublich froh, dass ich länger als ein Semester hier bleiben kann; selbst 10 Monate sind so kurz! Es gibt so viel zu erleben, erst recht  nachdem man sich schließlich an das alltägliche gewöhnt und einen echten Freundeskreis aufgebaut hat. Meine deutsche Familie vermisse ich natürlich schon irgendwie. Doch ich fühle mich hier so wohl, dass ich während meines Aufenthaltes (bis jetzt) nicht eine einziges Mal Heimweh hatte und es steht ja sowieso fest, dass ich schon im Sommer wieder zurück gehen werde.

Das Englische zu verstehen war übrigens längst kein so großes Problem, wie ich erwartet hatte. Und auch in der Schule lief schon nach kürzester Zeit alles gut. Der Unterricht – besonders Mathematik – ist hier generell nicht so sehr schwer.

Wie mein ältester Gastbruder Drake, besuche ich die Sa-Hali Secondary School. ‚Sa-Hali‘ ist Secwepump (die traditionelle Sprache der lokalen First Native Stämme) und bedeutet ‚am Hang‘. Das Schulsystem hier unterscheidet sich deutlich von dem deutschen. Die Elementary School (Grundschule) geht von der 1. bis zur 7. Klasse. Danach schließt sich die High School oder Secondary School an, die in der Regel alle Schüler bis zum Jahrgang 12 besuchen. An der Sa-Hali belegt man 4 Kurse je Halbjahr. Die Wahl ist besonders in den unteren Jahrgängen noch relativ eingeschränkt, an Math, English und P.E. beispielsweise führt kein Weg vorbei. Allesdings ist im Stundenplan auch noch Platz für ganz andere Fächer, wie z. B. Guitar, Yearbook oder Drama. Ich habe unter anderem Woodworking und Adventure Tourism  (in diesem Fach gehen wir Klettern, Kajak fahren usw. ). Ich finde es  toll, dass ich dank der interessanten Kursauswahl einmal ganz ander Fächer ausprobieren kann. Es lohnt sich! Um kurz vor drei Uhr endet der eigentliche Unterricht. Die meisten Schüler (zum Glück auch ich) fahren in einem der typisch nordamerikanischen gelben Schulbusse.

Nachmittags gibt es in der Schule noch eine Reihe von freiwilligen Extra-Curricular Activities (z. B. Jazz band). Ich bin Mitglied des Drama Clubs. Seit Januar bereiten wir ein Stück vor und die Proben sind wirklich „so much fun“! Zudem hilft mir das Sprechen sehr mit meiner Betonung weiter und dabei, schließlich langsam meinen Akzent los zu werden.

Auch die Sportmannschaften werden an meiner High School – sowie an vielen anderen - sehr wichtig genommen. Von den Teammitgliedern wird nicht nur voller Einsatz bei Turnieren erwartet, sondern auch dass sie die Schule andauernd best möglich repräsentieren. Dazu gehört übrigens auch Anzug und Krawatte (für Jungs) an allen Wettkampfstagen. Bei uns gibt es saisonweise u. a. Volleyball, Basketball, Fußball, Rugby und Badminton für Grade 8s, Juniors und Seniors, jeweils Jungs und Mädels. Während der Mittagspause finden auch des öfteren Schüler vs. Lehrer- Turniere statt. Klar welches Team hier mehr cheers bekommt – leider hilft das nicht immer.

Begeisterte Sportfans sind die Kanadier aber außerhalb der Schule. Dank der unglaublichen Landschafts- und Wettergegebenheiten dieses Landes ist es nicht verwunderlich, dass Wintersportarten so beliebt sind. Man lässt sich hier von Kälte und Schnee eben einfach nicht den Spaß verderben. Und natürlich ist (Eis)hockey absolut der Nationalsport – ist ja auch wirklich  awesome!  -, dicht gefolgt von Football. (Es gibt übrigens auch Canadian Football, der sich von der bekannteren US-amerikanischen Variante in einigen Regeln und der Feldgröße unterscheidet.)

Von deutscher Seite bin ich über die Organisation Dr. Frank Sprachen & Reisen hier; vor Ort werde ich von Mitarbeitern des school districts Kamloops/ Thompson betreut. Mit dessen  International Student Program (ISP) machen alle Austauschschüler aus dem Schulbezirk monatlich Ausflüge. Diese machen immer sehr viel Spaß und sind eine gute Gelegenheit Andere  aus der ganzen Welt kennen zu lernen.

Im Oktober waren wir beispielsweise bei der berühmten Lachswanderung am Adams River.

Der Salmon Run  ist alle vier Jahre und glücklicherweise auch diesen Herbst besonders groß, wenn sich allein in der Nähe von Kamloops ca 2 Millionen Sockeye Salmon auf den Weg zurück zu ihrem Geburtsort machen. Sie  schwimmen dann vom Pazifik aus andauernd gegen den Strom, einzig um ihren Nachwuchs (noch in Form von kleinen roten Fischeiern) ins Flussbett zu legen und zu sterben. Dieses Ereignis lockt Jahr für Jahr Angler aus der ganzen Welt an. Die vielen scharlachroten Lachse mit grünem Kopf ganz aus der Nähe zu sehen war auch echt ein Erlebnis, wenn auch ein bisschen „stinky“ ; ) . Später haben wir auch eine Frau, die von den First Nations abstammt getroffen. Sie hat uns über ihre Kultur berichtet und ein echtes, altes ‚Indianerhaus‘ gezeigt. Es glich ein wenig einer großen ausgebauten Erdhöhle. Ich finde die Geschichten und die Moral der First Nations absolut faszinierend.

Weitere Ausflüge gingen zum Schneeschuhwandern, oder Ski fahren in Sun Peaks. Dies ist, nach Whistler, das zweit größte Skiresort Kanadas und nur etwa eine Stunde von Kamloops entfernt. Dort Ski- bzw. Snowboarden zu gehen ist einfach traumhaft! Besonders bei gutem Wetter ist der Ausblick gigantisch, ein wahres Wintermärchen! Mit meinen Gastbrüdern gehe ich auch regelmäßig Ski fahren, allerdings an einem näher gelegenem Skiberg. Der ist zwar nicht ganz so groß, aber dafür auch nicht so voll und unübersichtlich, und wir haben trotzdem sehr viel Spaß!

Ein besonderes Highlight war der Remembrance Day am 11. November. Der Gedenktag zu Ehren aller gefallenen Krieger und Veteranen Kanadas wird sehr ernst genommen (gänzlich anders als in Köln der Beginn der Karnevalszeit). In der Schule hatten wir am Vortag (am 11. 11. findet kein Unterricht statt) eine Vollversammlung und am Feiertag selbst wurde im Stadtpark eine Zeremonie abgehalten. Dort wurde die Nationalhymne „O Canada“ gespielt und gemeinsam gesungen, den Kriegern gedankt, für Frieden gebetet und es gab eine lange Parade durch die Innenstatt, u. a. uniformierten mit Rocky Mountain Rangers, sowie anderen Militäreinheiten verschiedener Altersgruppen.



Zusammenfassend waren die letzten sechs Monate eine Unglaubliche Zeit für mich. Es ist eine ganz besonders Erfahrung in ein gänzlich neues Umfeld ein zu tauchen, finde ich. Ich würde jeden ermutigen, ins Ausland zu gehen. Es geht dabei wirklich nicht nur darum Sprachkenntnisse zu verbessern. Die Zeit hier hat mir schon so viel gebracht und ich habe so viel gelernt, bin viel selbstständiger und selbstbewusster geworden.

Vielen Dank an alle,die mir dies Jahr ermöglichen!