Samstag, 24. Juni 2017
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Ein Neuanfang -
Schüleraustausch in Uruguay

Zweiter Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Leonie E. - Uruguay
Stipendium gestiftet durch:
YFU

 

Schüleraustausch Uruguay

 

Das nächste große Ereignis nach dem ersten Erfahrungsbericht war Anfang Dezember eine Reise mit YFU. Sie hieß La Paloma, aber gewohnt haben wir in La Pedrera, was in der Nähe liegt. Diese Reise war wunderbar, auch wenn es die ersten zwei Tage geregnet hat und die Gemüter dementsprechend gedrückt waren. Das Programm war recht gut. Es war nicht zu viel und nicht zu wenig. Es blieb immer Zeit, um sich mit den anderen Austauschschülern auszutauschen. Es gab diesbezüglich eine Regel. Sie lautete: nur Spanisch sprechen! Ich hab es versucht, aber das ein oder andere Mal war es einfacher und schöner, in seiner Muttersprache zu reden. Diese Reise tat sehr gut. Das Austauschen und Wissen, nicht die Einzige mit Problemen zu sein. Alle haben irgendwie Probleme. Es ist ganz normal. Bei mir war es nämlich so, dass sich in den Tagen vor der Reise die Lage zugespitzt hat und es kurz vor dem Familienwechsel stand. Es hatte auch ein Gespräch mit der Betreuerin von YFU vor Ort mit meiner Gastfamilie stattgefunden, aber ich war ziemlich unproduktiv. Am Ende wurde entschieden, dass ich in der Woche, wo ich verreist bin, darüber nachdenke, was ich meiner Gastfamilie sagen möchte und sie denken darüber nach, ob sie mich behalten wollen. Vor Abreise habe ich ihnen schon alles gesagt, was ich zu sagen hatte. Ich wollte nicht gedankenüberlastet verreisen. Wie schon erwähnt wurde viel geredet. Ich habe mit der ein oder anderen Person geredet unter anderem mit meiner Ansprechpartnerin von YFU, die auch an der Reise teilgenommen hatte. Sie sagte mir, dass meine Familie möchte, dass ich wechsel. Für mich war das ok. Ich kann schlecht sagen: Nein, die müssen mich behalten. Außerdem hielt ich es auch für die richtige Lösung. Die Zeit mit den anderen Austauschschülern habe ich in vollen Zügen genossen, denn mir war von Vornherein klar, dass wieder in der Familie zurück alles schwerer sein würde. Genau das ist eingetroffen. Es ist mir zu persönlich die ganze genaue Geschichte zu erzählen, aber in den letzten Tagen bei ihnen ging es mir nicht gut und sie haben leider so getan, als ob ich alleine die Entscheidung getroffen habe zu wechseln, was ja überhaupt nicht der Fall war.


Vor der Reise habe ich einen Regelverstoß begangen. Ich bin ohne Erlaubnis zu der anderen Austauschschülerin gegangen, weil es mir nach einer weiteren “Unterhaltung“ nicht gut ging und ich einfach nur weg wollte. Deswegen wurde ich ins YFU-Büro eingeladen. Dort habe ich viel mit einer Mitarbeiterin geredet. Mir wurde eine zweite Chance gegeben. Dafür musste ich einen Zettel schreiben mit den Dingen, die ich nicht mehr machen darf und die ich ändern will. Es fiel mir schwer dies alles aufzuschreiben, aber mir hat es gut getan, auch der so genannte “Tritt in den Hintern“. Bis heute bin ich sehr dankbar für meine zweite Chance. Ich habe auch nicht vor, frühzeitig nach Deutschland zurückzukehren. An diesem Tag wurde mir auch mitgeteilt von ihnen, dass es erst einmal eine Übergangsfamilie gäbe, die bereit wäre, mich für eine gewisse Zeit aufzunehmen. Des weiteren sollte ich mich entscheiden, ob ich noch vor Weihnachten wechseln möchte, aber ich würde über Weihnachten in eine andere Übergangsfamilie kommen nur über die Weihnachtszeit. Mir war das lieber so. Irgendetwas hat sich in mir zusammengezogen bei dem Gednken daran, Weihnachten in der jetzigen Gastfamilie zu verbringen. Sie haben mir gesagt, dass sie sich um alles kümmern werden und mir dann bescheid sagen. Zwei Tage vor Weihnachten kam immer noch nichts von ihnen und ich fühlte mich vergessen. Um mich ein wenig abzulenken, habe ich mich mit einer Handvoll Freunden verabredet. Genau an diesem Abend haben sie mich angerufen und mir gesagt, dass ich am nächsten Morgen bitte im Büro bin mit all meinen Sachen und sie mich von dort in die neue Gastfamilie bringen. Sie haben mir auch gesagt, dass ich meiner jetzigen Gastfamilie alles sagen müsste, denn sie seien nicht erreichbar. Ich solle es bitte auf nette Art und Weise machen und mich bei ihnen noch einmal für alles bedanken und einen schönen letzten Abend mit ihnen verbringen.


Leicht gedrückt habe ich mich ziemlich direkt zu ihnen begeben und es versucht ordentlich über die Bühne zu bringen. Es hat an sich funktioniert, aber der Abend war schrecklich. Meine Geschwister sind mit Absicht alle zu Freunden gegangen und von der Gastmama durfte ich mir anhören was für eine schlechte Person ich war. An diesem Abend habe ich so viel geweint wie schon lange nicht mehr. Ich war geschafft und sehr erleichtert zu wissen, am nächsten Morgen nicht mehr dort zu sein.


Der Bus nach Montevideo war für mich eine große Erleichterung. Da der YFU- Mitarbeiter, der mich zu meiner neuen Gastfamilie begleiten sollte, noch nicht da war, durfte ich den Stadteil Ciudad Vieja, in dem sich das Büro befindet, erkunden. Es tat gut. Ich bin auf andere Gedanken gekommen und haben einen schönen Stadteil Montevideos kennen gelernt.


Im Taxi ging es mit dem YFU- Mitarbeiter in Richtung neue Familie auf Zeit. Wir haben uns gut unterhalten und standen erst in der falschen Straße in der es die Hausnummer der Familie nicht gab. Es war erst einmal doof, aber als wir feststellten, dass wir nur in der falschen Straße waren, war es lustig. Froh, mich unterhalten zu können und nicht in Gedankenvorstellungen über die neue Gastfamilie zu versinken, war ich ziemlich am plappern. Angekommen, wurden wir von einer Frau begrüßt, die ich sofort mochte. Sie hat mich an Zuhause erinnert. Der erste Eindruck vom Haus und den anderen Familienmitgliedern hat mich zum Strahlen gebracht. Ich fühlte mich gleich wohl, weil alles ein bisschen Hippie war, denn genauso bin ich auch. Es ist ein Teil von mir den ich in den letzten Monaten nicht richtig ausleben konnte. Das ist mir bei ihnen bewusst geworden und deswegen das Grinsen. Dem Mitarbeiter von YFU ist mein Grinsen auch aufgefallen und hat gemeint: Du strahlst ja richtig hier.


Ja, und es hat in der ganzen Zeit, die ich in dieser wunderbaren Familie verbracht habe, nicht aufgehört. Ich wurde so oft von ihnen umarmt, ich hatte einen eigenen Haustürschlüssel, ich durfte tun und lassen was ich wollte. Wir hatten ein tolles unperfektes Weihnachtsfest zusammen. In der Zeit habe ich meine Familie in Deutschland nicht vermisst. Unser “Weihnachtsbaum“ war ein Busch im Hinterhof mit Lichterkette geschmückt. Es gab Asado und es war noch der Opa da, ansonsten Gasteltern und Gastschwester und Gastbruder. Wir haben viel zusammen geredet und gelacht. Es war eine tolle Zeit an die ich mich gerne zurückerinnere. Am Weihnachtsabend kam die berühmte Fragerunde. Mir wurden so viele Fragen gestellt und gefühlt hat es nicht aufgehört, auch weil mein Gastbruder die ganze Zeit weitere Fragen gestellt hat. Gab es eine kurze Pause ohne Fragen, lag es nur daran, dass er sich eine neue überlegte. Am nächsten Tag waren wir bei einem Teil der Familie väterlicherseits zum Mittagessen. Es wurden wieder viele Fragen gestellt und ich habe sie beantwortet. Da einige Menschen anwesend waren, musste ich die ein oder andere Frage mehrmals beantworten, was auf Dauer leicht nervig war. Schlimmer war es dann abends, als ein Teil der Familie mütterlicherseits zum Asado kam, denn dort wurden wieder Fragen gestellt. Es sind immer die gleichen. Meine Gastgeschwister und ich haben manchmal lachen müssen, weil ich eine Frage schon so oft beantwortet habe. Es war eine schöne Zeit mit ihnen. Da ich mich abends im Kreis der Familie wohlgefühlt habe, kam dann auch das Heimweh. Am Ende des Abends als wir aufgeräumten, haben mich meine Gasteltern gefragt wie ich es fand. Ich hab ohne ehrlich gesagt, dass es mir gut gefallen hat und deswegen ein bisschen Heimweh aufgekommen ist. Wir haben kurz drüber geredet und dann war alles gut. Zum Gute Nacht wünschen haben sie mich nochmal ganz doll umarmt, was mir gut tat.

 

Die kurze Zeit, die ich bei ihnen verbracht habe, hat mir mein Selbstvertrauen wieder gebracht. Ich habe immer noch Kontakt mit ihnen, denn sie sind tolle Menschen. Sie haben mich sogar in meine neue Gastfamilie gebracht zusammen mit dem YFU Mitarbeiter, denn sie sind befreundete Familien, was daran liegt, dass die Gastschwestern beste Freundinnen sind. Mich bei ihnen einzuleben viel mir wesentlich schwerer. Ich weiss bis heute nicht wieso genau, aber ich habe es versucht und kann stolz zurückblicken, denn ich habe es geschafft, mich bei ihnen einzuleben. Wir sind am Ende ziemlich gut zurechtgekommen. Silvester haben wir im Haus der Gastoma am Strand in einer kleinen familiären Runde mit Asado verbracht. Es war schön. Wir hatten Nachbarn, die aus Argentinien kamen und in den USA wohnen, wir waren also ziemlich international. Bei dem Thema international fällt mir ein, dass sie die erste Familie waren, die mit meiner deutschen Familie geskypt hat. Es war ziemlich komisch, aber im positiven Sinne. Einen Tag habe ich mit meiner Gastschwester die Gastfamilie von davor besucht bzw mehr die Gastschwester. Wir sind zu ihnen nach Hause und für mich war es wie nach Hause zurückkehren. Ich hab es meinem ehemaligem Gastpapa auch gesagt. Er fand das schön und wir haben uns wie immer ziemlich lange unterhalten. Ich hab mit der gesamten Familie einen guten Draht und konnte immer mit allen viel reden, was bei mir selten ist, denn es liegt mir nicht viel zu reden. Da die in dem Moment jetzige Gastfamilie ziemlich ruhig war, habe ich nicht viel geredet. Meistens habe ich mich mit der Haushaltshilfe unterhalten. Hier haben Familien, die etwas wohlhabender sind eine Haushaltshilfe. Für mich war es ungewohnt, aber für mich war sie die gute Seele des Hauses. Anschließend gab es keine Informationen von YFU, wo ich als nächstes hinkomme. Am letzten Tag haben wir angerufen und es wurde uns gesagt, dass ein extra Treffen stattfindet und sie dort beschliessen wo ich hingehe bis sich eine Familie fürs Jahr gefunden hat. Es war ein ziemlich bedrückendes Gefühl. Mir hat dann der YFU Mitarbeiter, der mich immer in Montevideo zu den Gastfamilien begleitet hat und meine Ansprechperson bei Problemen war, geschrieben, dass ich für die nächsten Tage bei ihm wohnen werde. Seine Familie bestand aus seinen Eltern und seinem kleinen Bruder. Ich war gerne bei ihnen und habe mich gut aufgehobene gefühlt. In der Zeit bei ihnen ging es mir nicht so toll wegen den ganzen Wechseln. Ich habe das Gespräch gesucht und mit meiner Gastmama und dem “YFU Mitarbeiter“ gesprochen. Er hat mir vorher extra gesagt, dass er in dem Gespräch mit mir als Person dieser Familie redet und nicht als Mitarbeiter, was mir wichtig war, denn ich dachte ich müsste mich unter anderem super bei ihnen verhalten, weil es stärker kontrolliert wird als vorher. Damit lag ich vollkommen falsch. Es war ihnen nur wichtig, dass ich mich wohlfühle, rede und aus mir rauskomme, was funktioniert hat. Dieses Gespräch hat mich aufgebaut und Mut gemacht das Auslandsjahr weiter zu machen, denn der Gedanke, dass ich das Problem bin, weil es keine Gastfamilie für das ganze Jahr gab, trat häufig auf. Sie haben auch diesen verkleinert. Ich bin ihnen so dankbar für alles, was sie mir auf meinen weiteren Weg gegeben haben. Ohne sie wäre ich nicht an dem jetzigen Punkt gekommen. Generell bin ich allen Menschen, denen ich hier in Uruguay aber auch in Deutschland begegnet bin, dankbar, denn sie sind ein Teil von mir, da sie mein Ich ein bisschen geformt haben.


Nach sechs Tagen wurde mir mitgeteilt, dass es eine Gastfamilie für das restliche Jahr gefunden wurde. Sie hatten vorher schon zwei Austauschschülerinen gehabt und dieses Jahr auch einen Austauschschüler, der aber wegen Problemen gewechselt hat. Ich hatte anfangs ein wenig bedenken, weil sie schon so viele Erfahrungen mit Austauschschülern haben. Letzten Endes aber ist es bis heute nicht schlimm. Manchmal höre ich eine lustige Anekdote von den anderen, aber mehr auch nicht. Sie vergleichen mich nicht mit ihnen. Das finde ich sehr gut. Ich habe mich sehr zügig bei ihnen eingelebt und freue mich auf die restliche Zeit, die mir mit ihnen bleibt. Ich werde sie in vollen Zügen genießen.

Besos de Uruguay Leonie