Samstag, 20. Juli 2019
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Finnland verändert mich

 

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Theresa K.
Stipendium gestiftet durch:
weltweiser



Schüleraustausch USA



ERFAHRUNGSBERICHT


DER BEGINN


Und da wären wir wieder: Haare raufen, eine halbe Stunde ins Feuer starren, dann wieder laut seufzen und einmal lange auf die "Löschen"-Taste drücken. - Ich bin 's, versuche mein letztes halbes Jahr in Finnland auf zwei Seiten zu quetschen. Doch mein kläglicher Versuch, all die Geschichten auf wenige Worte zu reduzieren, wird unterbrochen: es ist der 14. April. Finnlands Wahlergebnisse kommen heraus. Sicherlich keine meiner interessantesten Erlebnisse, aber ich bin total gespannt, und kaum sehe ich die Prozente, kippt meine Stimmung. Es ist unglaublich. Nicht das Wahlergebnis, sondern wie sehr ich mich verändert habe. Seit wann interessiere ich mich so sehr für Politik?


MEINE VERÄNDERUNG UND DAS FAZIT AM ANFANG


Ich bin zum Ökospinner konvertiert. Jetzt ist es raus. Ein Naturliebhaber, Second-Hand-Käufer, Minimalist, der seine Instastory zwischen Fotos mit Freunden auch mit Petitionen und Kommentaren füllt, und ich stolziere an der langen Essensschlange in der Schule vorbei, direkt zum Tisch der Veganer. Vor einem Jahr hätte ich dazu nur den Kopf geschüttelt. Ich bin selbstbewusster, positiver und vor allem offen: offen gegenüber Veränderung und neuen Erlebnissen. Beim Schreiben dieses Erfahrungsberichtes wird mir bewusst, wie sehr ich meine Prioritäten geändert habe und gewachsen bin, was mich geprägt und gestärkt hat. Ich versuche immer wieder Neues: gehe zum Kickboxen, habe angefangen Gitarre zu lernen und zu singen. Ich werte Kleidung auf, meditiere, lerne und recherchiere über Themen, die mich interessieren. Nach einer Ära mit sehr viel Schnee habe ich endlich wieder angefangen die täglichen 8 km zur Schule mit dem Fahrrad zu bewältigen.


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Neu ist auch mein Einstieg in "Extinction Rebellion", mit dem Ziel, Leuten die Ernsthaftigkeit des Klimawandels nahe zu bringen und eine Veränderung in unserer Kultur und Politik zu unterstützen. Das bedeutet für mich, Verantwortung zu übernehmen, auch für die Zukunft meiner jüngeren Geschwister.


Nur meine Schule ist noch ganz die alte: im Moment habe ich Unterricht in Mathe, Physik, Chor, Kunst und Biologie, habe aber in den vergangenen Perioden auch Russisch, Philosophie, Sport (…) gehabt. Besonders finde ich meinen Kunstkurs: zusammen mit Choreographen, Dramaturgen, Kostümbildnern, Musikern, Regisseur und Tontechnikern (…) erstellen wir ein Musical der großen Demission im Theater von Lahti, und ich bin Teil des Bühnenbild Teams.


Es ist so ein großer Unterschied, jetzt wo ich so viel besser Finnisch verstehe und auch spreche, habe ich viel mehr das Gefühl ein Teil der Gesellschaft zu sein, angekommen und aufgenommen, obwohl ich noch immer viel Englisch spreche.


IN EINER ANDEREN WELT


Fangen wir bei der wohl größten Lehre der vergangenen Monate an. Letzten November saßen wir an exakt der selben Stelle, als das Telefon klingelte und mir ein Angebot gemacht wurde: für 2 ½ Monate in eine andere Familie zu schnuppern. Ich wünschte mir schon lange Gastgeschwister und eine gute Busverbindung, also stimmte ich zu.


"No niiiiiin", würde jeder Finne jetzt die Gesprächslücke mit einem Seufzen füllen. Ich fasse mich kurz: nach einigen Wochen in der neuen Familie mit Luxus und Villa, komme ich mit Selbstzweifeln, erschöpft und dem Gefühl irgendwie gescheitert zu sein, wieder zurück in die Arme meiner ersten Gastmutter. Es war für mich wie eine Lehre aus dem Bilderbuch: Reichtum macht nicht glücklich, was zählt ist die Nähe zu den Menschen…


ABENTEUER


Ich liebe es neue Welten kennen zu lernen, aber viel mehr als das, liebe ich das Gefühl des Neuanfangs und der Freiheit dabei.
Ich würde euch gerne das Gefühl mit Worten beschreiben, aber so richtig verstehen wird man es erst, wenn man es selbst erlebt. ;)


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Lasst mich einige Beispiele meiner Erlebnisse der letzten Monate bringen:


• Ich habe spontan eine Woche in Kajaani (7 Stunden nördlich von Helsinki) verbracht
• dort ein zweites Mal Polarlichter bestaunt – etwas verschwommen von den Tränen in meinen Augen …
• aufgejubelt, wenn die Pelicans, Lahtis Eishockey Team, gewonnen haben
• habe in einer der größten Konzerthäuser Finnlands (Sibiliustalo) der Musik gelauscht
• habe mein erstes Weihnachten ohne meiner deutschen Familie verbracht
• bin für einen Tagesausflug zu einer Freundin nach Tampere gefahren
• habe in Helsinki demonstriert
• und auf Partys getanzt
• habe zum ersten Mal auf einem Snowboard gestanden
• habe Lahtis größte Attraktion, die Ski Games, gesehen
• Brunch mit Freunden genossen
• habe zu Silvester im Schneesturm gestanden
• bin in 2° kaltem Wasser geschwommen
• habe den Coca-Cola-Truck gesehen
• habe mit Freunden gekocht
• habe beim Sleep Over tatsächlich geschlafen
• habe in Mathe besser abgeschnitten als die meisten Finnen
• habe "Der kleine Prinz" in Finnisch gelesen
• das schrecklichste Date überhaupt erlebt
• beim "Penkarit" (~Abi-Streich) eine blaue Zunge bekommen
• im Orchester für hunderte Tänzer gespielt
• beim Bowlen verloren
• mit Live-Bands meiner Freunde gesungen


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• bin im Ikea nach alter Tradition auf dem Transportwagen gefahren
• wunderschöne Sonnenaufgänge im Nebel bestaunt
• Frostbeulen bekommen, obwohl ich zwei Paar Socken und Winterstiefel trage, und die Finnen bei -20°C immer noch mit freien Knöcheln rumlaufen
• auf dem See Langlauf gefahren
• habe mit meiner Freundin Piirakka an fremde Menschen verschenkt, einfach so, um ein bisschen Zuneigung zu schenken. Wir waren interessiert daran, wie Leute reagieren.
• im Schulunterricht Schlittschuhlaufen gewesen
• Sternzeichen auf Finnisch benannt
• Die Hände über den Kopf geschlagen, nachdem zwei meiner Freunde sich scheinbar zum Ziel gesetzt haben, mich in zwei komplett entgegengesetzten Religionen zu bekehren
• bei -23° joggen gewesen (keine gute Idee)
• 3 Tage mit Fieber im Bett verbracht
• im Rampenlicht mit dem Chor vor vielen, vielen Leuten gesungen
• mit einem japanischen Freund in Finnland mexikanisch gekocht
• versucht, eine neue Sprache zu lernen (Russisch) in einer Sprache, die ich selbst kaum sprach (Finnisch)
• durch den wohl albernsten Unfall überhaupt, entgegen den Kindergartenregeln, mir versehentlich eine Schere in den Arm gerammt, und so (sehr optimistisch) das finnische Gesundheitssystem getestet
• das Wort "Winterdepression" mit ganzem Herzen verstanden und mich noch nie so sehr über ein bisschen Sonne gefreut


Es wäre gelogen zu sagen, in der kleinen Stadt im Süden Finnlands wäre alles perfekt - natürlich geht das Leben hier auch nur weiter, mit Höhen und Tiefen.
Jetzt freue ich auf die kommende Zeit: in den Osterferien geht es mit Freunden nach Rovaniemi. Außerdem beginnt die Rebellionswoche von Extinction Rebellion, und es kommt bestimmt auch noch einiges Unerwartetes.


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